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Wie bieder war das Biedermeier und wie bieder ist unsere Zeit?

Das Jahr 1997 war reich an Gedenktagen. Genau zweihundert Jahren zuvor hatten Annette von Droste-Hülshoff, Jeremias Gotthelf, Heinrich Heine, Franz Schubert und auch der erste deutsche Kaiser Wilhelm I. - seine Mutter, die Königin Luise, charakterisierte ihn als "einfach, bieder und verständig" - das Licht dieser Welt erblickt, während sich just hundert Jahre später Johannes Brahms von ihr verabschiedete. Sechs heterogene Persönlichkeiten, sechs individuelle Lebensläufe, von denen manche Spuren hinterlassen haben, die mehr oder weniger in unterschiedlichen Bereichen bis in unsere Gegenwart hineinreichen. Dennoch haben die sechs etwas gemeinsam: sie alle lebten in der Zeit des Biedermeier und waren seinen Strömungen ausgesetzt. Sie wurden von ihnen geprägt oder suchten, diesen zu entkommen. Grund genug, sich zu fragen, was es mit der Epoche des Biedermeier auf sich hat, mit der man oft die Vorstellung von Treuherzigkeit, Geruhsamkeit und einer bürgerlich konservativen bis spießbürgerlichen Lebenshaltung verbindet, zusammen mit einen Hang zu Sentimentalität, Überschwenglichkeit, zur philiströs anmutenden Idylle bei gleichzeitiger Weltfrömmigkeit.

Die Biedermeierzeit, vorwiegend eine deutsche Erscheinung, drückte sich bekanntlich auch in der Kleidung aus, in der Wohnkultur und im Kunstgewerbe. Als Epochenbezeichnung zwischen Klassik und Realismus umfasste sie die Jahre von 1815 bis 1848. Einige sehen im Biedermeier lediglich eine Entwicklungsphase der Romantik, andere dagegen eine "Restaurationsepoche" oder auch "Maulkorb-Monarchie" - sicher nicht von ungefähr. Denn nach dem Wiener Kongreß 1815 und den Karlsbader Beschlüssen im Jahr 1819 wurde die politische Szene vor allem von Politikern beherrscht, die das Rad der Geschichte zurückdrehen wollten. Träger der Beharrungspolitik war Fürst Metternich, ein Mann starrer Prinzipien, der mit parlamentarischen Verfassungen und politischen wie geistigen Freiheiten für das Volk nicht eben viel im Sinn hatte. Vielmehr sorgte er dafür, dass Bürokraten und Polizisten mit immer schärferen Maßnahmen den autoritären Ordnungsstaat am Leben erhielten, dass Burschenschaften und andere liberale und nationale Bewegungen verboten, Zeitungen zensiert, aufmüpfige Professoren unter Polizeiaufsicht gestellt, verhaftet oder des Landes verwiesen wurden.

Nicht wenige in Deutschland jedoch, die die Französische Revolution von fern und die napoleonischen Kriegszeiten im eigenen Land hautnah miterlebt hatten, waren froh, dass wieder Ruhe und Ordnung herrschten, und wollten weder von der großen noch von der kleinen Politik etwas wissen. Des Kämpfens müde, kümmerten sie sich - vielleicht auch aus erzwungener Resignation - zunächst nur um nächstliegende Dinge, innerhalb des Berufs und des eigenen kleinen häuslichen Bereichs, in dem der Hausherr dominierte und staatliches Obrigkeitsdenken an seine "Lieben" weitergab. Der Städter fühlte sich in seinem behaglich eingerichteten Heim am wohlsten, der Bauer auf seinem Hof. Wenn man an Festtagen in den Schützen- und Gesangvereinen zusammenkam, sprach man nicht von den großen politischen Ereignissen, sondern von Beruf und Arbeit, von Heim und Mode oder von den gesellschaftlichen Ereignissen am Hofe des Landesfürsten. In gebildeten Kreisen unterhielt man sich wahrscheinlich darüber hinaus auch über Baukunst, Malerei, Dichtung und Musik. Bevorzugte Bildungsquellen waren der Lesezirkel und das Theater. Allerdings kam es in der bürgerlichen Kultur durch die allgemeine apolitische Haltung alsbald zu einer beträchtlichen Verengung der Lebensführung und des Gesichtskreises. Kein Wunder, dass mancher im Nachtwächter, den es als Institution an einigen Orten damals tatsächlich noch gab, das Symbol dieses Zeitalters sieht.

Gleichwohl verbarg sich hinter der vordergründigen Harmonie ein höchst konfliktreicher Hintergrund. Denn unter der nur scheinbar ruhigen Oberfläche regten sich bereits alle geistigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kräfte, die dann die Dynamik des 19.Jahrhunderts bestimmt haben. Die Biedermeierzeit war nicht nur biedermeierlich, sondern dank des "Jungen Deutschland" und des "Vormärz" gleichzeitig auch das genaue Gegenteil. Die Schriftstellergruppe "Junges Deutschland", die sich 1830 gebildet hatte, forderte Emanzipation auf allen Gebieten. Die Bewegung des "Vormärz" mündete in die März-Revolutionen von Wien und Berlin. Der Begriff selbst kam erst später durch jene in Umlauf, die in den Revolutionen hoffnungsvolle, wenn auch gescheiterte Versuche sahen, die bürgerliche und nationalstaatliche Demokratie in Deutschland zu etablieren.

Trotz aller Hemmnisse ging die Entwicklung weiter, nicht zuletzt durch aufrührerische Studenten, die sich in Burschenschaften zusammengeschlossen hatten. Im Oktober 1817 feierten diese das Wartburgfest zur Erinnerung an die Reformation und an die Völkerschlacht bei Leipzig. 1832 trafen sie sich mit anderen Liberalen und Demokraten in Hambach in der Pfalz. Auch wenn das Hambacher Fest zunächst zur Aufhebung der Versammlungs- und Pressefreiheit führte, so signalisierte es der Obrigkeit doch deutlich, wie sehr es unter der Oberfläche gärte und dass sich die Menschen weder ihr Denken noch ihre Freiheitswünsche verbieten lassen wollten. Versteckt haben auch manche Bürger ihren Unmut über die bestehenden Verhältnisse geäußert, etwa bei Theateraufführungen in der Anonymität des Publikums, und ab 1823, seitdem es den Kölner Rosenmontagszug gab, unter der Verkleidung der Narrenkappe bei Karnevalsumzügen.

Dichter der Biedermeierzeit

Als Epochenbegriff und Schlagwort für die philiströs-unpolitische Zeit von 1815 bis 1848 wird das Biedermeier auch für eine bestimmte Richtung der Dichtkunst beansprucht, nämlich für eine bürgerliche, unpolitisch-private, stark landschaftsgebundene, oftmals heiter-melancholisch bis resignativ-pessimistische Dichtung zwischen Romantik und Realismus, die in betonter Hinwendung zu Natur, Geschichte und Alltagswelt zugleich einer Ethik des Maßes und der Selbstbescheidung huldigte und zum Rückzug aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit neigte. Nach landläufiger Meinung fand diese Literatur ihren dichterisch bedeutsamsten Ausdruck in der Lyrik von Eduard Mörike (1804-1875) und Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) sowie in den Werken von Adalbert Stifter(1805-1868) und Franz Grillparzer(1791-1872). Heute fragt man sich indessen, ob diese Dichter dem jahrzehntelang gepflegten Klischee wirklich entsprochen haben? Immerhin wuchsen gerade die bedeutendsten Repräsentanten des Biedermeier durch ihr Schaffen über latente spießbürgerliche Anschauungen weit hinaus.

Die Münsteranerin Annette von Droste-Hülshoff konnte sich im Schatten ihrer Herkunft aus dem konservativ-katholischem Landadel zwar weder künstlerisch noch privat voll entfalten, sondern führte eine Nischenexistenz, ein eingepupptes Leben, am Rande der bürgerlich-patriarchalischen Gesellschaft. Aber dichtend gelang es ihr immer wieder, sich zu einem anderen, höheren Dasein aufzuschwingen. Zu Unrecht gilt sie oft heute noch als eine Art Heimatschriftstellerin, als eine Dichterin des Biedermeier. Dabei war die sprachmächtigste deutsche Autorin alles andere als eine gemütvolle Heimatdichterin. Ihre "Judenbuche" beispielsweise zeugt von einer merkwürdigen Affinität zum Grausigen und Unterweltlichen, ebenso die Schauerballade "Die Vergeltung". Viele ihrer Werke sind beredte Symbole für eigene innere Gefährdungen. Da die westfälische Dichterin die bedrohlichen Regungen, die ausschweifenden Wünsche, ihren Drang zur Grenzüberschreitung sich selber nicht ungeschminkt einzugestehen wagte, litt sie unter Angstanfällen und verstrickte sich häufig in psychosomatische Krisen. Gerade ihre frommen Verse protokollieren Zustände von Verlassenheit und Gottferne. Andererseits schätzte sie die Familie, die sie einengte, auch als Hort in einer feindseligen Welt, während die Katholische Kirche, deren Ohnmacht sie erkannte, bis zuletzt ihre Zuflucht blieb. Selbst die verkrustete Gesellschaft, deren Schwachstellen sie klarsichtig beschrieb, hielt sie für sakrosankt. Haus, Heimat, Kirche waren für sie durchaus noch Grundwerte, die sie durch demokratische Bewegungen gefährdet glaubte. Aber unverkennbar sind die Ungereimtheiten, die Risse im Leben und Werk der Droste, die uns einen aktuellen Zugang zur ihr ermöglichen. In ihrer Verzweiflung an den unbeweglichen Zeitverhältnissen schwingt unsere Ratlosigkeit schon mit. Vieles, was sie erlebt und erlitten hat, sind für uns vertraute Erfahrungen: ihre seelischen Nachtseiten, ihre existentiellen Grenzerfahrungen, ihre Glaubenszweifel, ihre Endzeitvisionen, ihre Elegien an die unerlöste, vom Menschen gemordete Natur, das Gefühl der Bedrohung in einer Zeit des Wertezerfalls. Der Zyklus "Geistliches Jahr", begonnen als fromme Gelegenheitsdichtung, führte sie in eine radikale Selbstbefragung und offenbart ein einsames Ich, dem metaphysische Gewißheiten verwehrt sind. So ist es gewiß nicht weiter verwunderlich, dass zeitgenössische Schriftstellerinnen wie Sarah Kirsch und Karin Struck in ihr eine Gefährtin aus gleichem musischen Geist entdeckt haben.

Nicht wenige Dichter und Künstler, die in der Biedermeierzeit gelebt haben, wurden lange verkannt oder in ihrer Bedeutung falsch eingeschätzt, weil man glaubte, wenn man ihnen das Etikett Biedermeier anheftet, sei schon alles gesagt. Das gilt auch für Eduard Mörike, Dichter und Pfarrer zugleich, obwohl die psychologische Durchdringung und artistische Gestaltung seines nicht gerade heiteren Romans "Maler Nolten" so ganz und gar nicht in das Schema gängiger Biedermeier-Vorstellungen passen. Auch Grillparzer hat in seinen Dramen die Grenzen der menschlichen Existenz gestreift und das fragwürdige Sein der menschlichen Kreatur beklagt. Auch er war eine widersprüchliche, zerrissene Natur, unfähig, an einen persönlichen Gott zu glauben. Wie viele Dichter seiner Zeit fürchtete er einen Nihilismus, an dessen Heraufkunft er nicht völlig unbeteiligt war. Modern und zeitlos mutet ebenfalls die Krankengeschichte dieses zutiefst österreichischen Dichters, Misanthropen und Selbsthassers an. "In der genialen Quengeligkeit und Monomanie kam ihm in unseren Tagen allein Thomas Bernhard nahe", schrieb vor einigen Jahren Ulrich Weinzierl und fügte hinzu, dass in dem habsburgtreuen Erzpatrioten ein verschämter Aufrührer gesteckt habe. Josef Roth, sein Verwandter im Geiste, habe ihn deshalb postum als einen reaktionären Individualanarchisten und konservativen Revolutionär gefeiert.

Jean Paul(1763-1825) hatte geraume Zeit den Ruf eines Idyllenmalers und Humoristen. Der heiter klingende Titel seines Romans "Leben des vergnügten Schulmeisterleins Maria Wurz in Auenthal" hat seine Leser nicht selten über die eigentliche Schwermut seines Verfassers hinweg getäuscht. Jean Pauls poetische Auseinandersetzung mit dem Atheismus und dem Skeptizismus des 18.und 19.Jahrhunderts in seiner Traumvision "Rede des todten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei" hat Interpreten mitunter in arge Verlegenheit gebracht. Heute freilich weiß man um Jean Pauls philosophische und aphoristische Begabung und seine Vorgriffe auf die Philosophie und auf Theorien unseres Jahrhunderts, bis hin zu Wittgenstein und Freud. Zeitgenössische Literaturwissenschaftler sehen in ihm sogar einen Vorläufer von Arno Schmidt.

Der Schweizer Pfarrer und Dichter Albert Bitzius, bekannt unter dem Namen Jeremias Gotthelf(1797-1854) war gleichfalls nur scheinbar ein Biedermann. Entwarf er doch in seinen Büchern eine Welt der Bosheiten und Laster, die er als Geistlicher, Lehrer und Armenkommissar aus eigener Erfahrung nur allzu gut kannte. Obgleich er den Prediger und Erzieher in sich nie geleugnet hat-sein gesamtes Schaffen stand im Dienste kirchlicher Verkündigung-, so hatte er doch als vehementer Kritiker eines philiströsen Christentums, einer verlogenen Religiosität sowie des Kapitalismus und der Machtgier der Reichen zahlreiche Berührungspunkte mit Kierkegaard und Marx, ohne freilich deren Radikalität zu teilen. Er schrieb zudem den ersten europäischen Bauernroman und wurde so unverdient und ungewollt zum Begründer der späteren

Bei den Büchern von Adalbert Stifter wiederum fühlten sich bisher viele Leser an Bilder des Malers Spitzweg erinnert, obwohl beide mit diesem Begriff nicht zu erfassen sind. Denn Stifter war keineswegs der Käfermaler, Idylliker und Optimist,als den man ihn seit Hebbel missverstanden hat. Unter der Oberfläche waren die dunklen Wirklichkeiten des Lebens bei ihm immer präsent. Sein "Nachsommer" zählte übrigens zu Nietzsches und zu Kafkas Lieblingslektüre.

Ludwig Börne dagegen(geboren wurde er 1786 als Löb Baruch, gestorben ist er 1837) gelang es auch äußerlich aus einer doppelten Enge auszubrechen, aus dem Frankfurter Ghetto und den rückständigen deutschen Verhältnissen. Der"ungeheure Judenschmerz" und "das Leiden an Deutschland" machten ihn zum radikalsten Publizisten seiner Epoche. Das gleiche kann man von seinem Antipoden Heinrich Heine (1797-1856) behaupten. Heine war ein streitbarer Rationalist. Mit seinen Schriften hat er die Gitter, mit denen Bürokraten und Zensoren, Polizisten und Demagogenriechern die Deutschen vom Gang der Welt und Weltgeschichte absperrten, geistig überwunden. Als Anhänger des revolutionären Flügels der Aufklärung träumte er von der Befreiung aller Menschen aus Unterdrückung und sozialer Verelendung und war zugleich, wie einer seiner Biographen zutreffend bemerkt, Deutschlands letzter Romantiker und der erste Poet der Moderne.

Viele Dichter und Künstler, die in der Biedermeierzeit gelebt haben, hatten ein tragisches Ende. Peter Härtling hat eine Reihe von ihnen in seinen Büchern über Schumann, Waiblinger, Hölderlin, Lenau anschaulich und einfühlsam porträtiert. Sie alle waren Grenzgänger ihrer Epoche und als Spiegelbilder der Moderne ihrer Zeit weit voraus. Nicht wenige von ihnen starben nach langer geistiger Umnachtung. Schumann und Lenau litten an der Syphilis, der Aids-Krankheit des vorigen Jahrhunderts.

Komponisten und Maler des Biedermeier

Auch mancher Komponist ist in seiner überragenden Bedeutung erst allmählich erkannt worden, wie etwa Franz Schubert(1797-1828). Er ist, schrieb Egon Friedell in seiner 'Kulturgeschichte der Neuzeit', "zeitlebens der Eichendorff'sche Taugenichts geblieben, der Hans vom Dorfe, der seine Freiheit gern mit Armut erkaufte. Doch seit er in die Menschheit getreten ist, weiß sie erst richtig, was ein Lied ist." Friedrich Dieckmann charakterisiert den Komponisten als letzten Klassiker und ersten Romantiker, der den Tempel geschlossen und zugleich Tore ins Neue geöffnet habe.

Johannes Brahms(7.5.1833-13.4.1897) hingegen war nicht nur ein genialer Musiker, er war auch ein Patriot, Monarchist und überzeugter Verfechter von militärischer Gewalt, wenn es um politische Entscheidungen ging. Im Alter wandte sich der Komponist der Philosophie von Schopenhauer zu und gewann durch sie die Überzeugung, dass die menschliche Existenz fragwürdig, wenn nicht gar sinnlos sei.

Die Beschaulichkeit des Biedermeier fand ihren Niederschlag nicht zuletzt auch in der Malerei, insbesondere in den gegenständlichen Schilderungen des intimen behaglichen und zum Teil rührseligen bürgerlichen Lebens bei Carl Spitzweg (1808-1885), Ferdinand Georg Waldmüller(1793-1865), Ludwig Richter(1803-1884) und in den Märchen- und Sagenbildern Moritz von Schwinds(1804-1871). Spitzweg, ursprünglich Apotheker, schuf Bilder, die die durch die Zeitläufte verunsicherten Bürger als wahre Labsal empfanden und die Nachkommen als Inbegriff der Idylle. Aber auch Spitzweg war ein kritischer Beobachter seiner Zeit. Die geruhsame Detailfreudigkeit seiner bürgerlichen Szenen hat eine durchaus karrikierende Bösartigkeit. Seine strickenden, gähnenden Wachsoldaten, die dümmlichen, selbstgefälligen Gesichter seiner Figuren, ihre Pedanterie, Betulichkeit und Genügsamkeit, das kleine Glück im Winkel, - das alles wirkt gewollt lächerlich und drückt die Entfremdung des Bürgers vom Ideal des Menschlichen aus. Spitzweg, der sich zu Jean Paul, hingezogen fühlte - anscheinend ahnte er eine verwandte Seele-, war wie viele andere Künstler ein Unangepaßter und alles andere als ein harmloser Kakteenfreund.

Ludwig Richter hat ebenfalls die bescheidene Welt der kleinen Leute, den Alltag, die Arbeit und die Freuden des Menschen von nebenan mit liebevoller Aufmerksamkeit gemalt, zugegeben, ohne Sozialkritik, aber mit wachem Sinn für die schlichten Realitäten des einfachen Lebens. Dem jungen Richter war die Tradition dieser Entwicklung, die man später "deutsche Misere" nannte, wohl bewußt. "Die Erwartungen des deutschen Volkes wurden von den Fürsten nicht erfüllt... Frost kam in die tausend herrlichen Knospen, sie fielen ab, und nun ist's vorbei", schreibt er 1825 in Rom. Gelegentlich betrachtet man ihn als den Ahnherrn von Oral history und den Geschichtswerkstätten von heute.

Selbst der so erfolgreiche Baumeister und Maler Karl Friedrich Schinkel(1781-1841)hat seine Epoche als belastend empfunden, und doch konnte er sich dem Druck der Restauration nicht entziehen. Was er ausdrückte, war nichts anderes als ein Kompromiß zwischen den Zielen der Macht und den künstlerischen Gegebenheiten, wobei er stets bestrebt war, die architektonische Tradition aufzubrechen und die Baukunst aus dem Bannkreis einer dem Absolutismus verpflichteten Herrschaft hinauszuführen.

Biedermeierlichkeit in der Bundesrepublik

Genug der Beispiele für unbiedermeierliches Verhalten in der Biedermeier-Zeit. Gleichwohl lebt Biedermeierlichkeit als Mentalität und Haltung noch fort, bei manchen Bildungsbürgern, Beamten, Handwerksmeistern und all jenen, die sich aus der Politik heraushalten und sich nicht engagieren, sondern sich nur um das eigene kleine Glück bekümmern. Biedermeierlicher Alltag und kleinbürgerliche Geborgenheit machen sich halt nicht nur in Diktaturen breit - wie in der Metternich-Ära, im Hitler-Regime und im SED-Staat -, sondern auch in Demokratien, wenn sich allzu viele bedingungslos anpassen und jedes Infragestellen, jedes Umdenken und jede Veränderung für verwerflich halten. Erinnert sei nur an die späten fünfziger Jahren, als Adenauer mit der Losung regierte "Keine Experimente". Erinnert sei auch an die Stagnation in der langen Kohl-Ära. Die Gefahr, dass wir versuchen, uns biedermeierlich einzurichten, droht uns auch gegenwärtig, und das um so mehr, je komplizierter und undurchschaubarer die wirtschaftlichen und politischen Prozesse und Systeme um uns herum werden. Doch wie wir gesehen haben, Subversives und Zukunftsweisendes gedeiht immer und überall, und eben das lässt hoffen.

Emanzipation-Assimilation-Antisemitismus im Biedermeier am Beispiel einer Kleinstadt in Westfalen

Als 1815 Westfalen und damit auch Arnsberg preußisch wurde, blieb für die hier ansässigen Juden zunächst alles beim alten. Denn das Preußische Emanzipationsedikt vom 11.März 1812, das die Juden zu "Einländern und preußischen Staatsbürgern" erklärt und alle Ausnahmegesetze abgeschafft hatte, galt zunächst nicht für später hinzugewonnene Provinzen. Somit waren die westfälischen Juden vorerst auch weiterhin von allen staatsbürgerlichen Rechten ausgeschlossen und als sogenannte Schutzjuden, wie in den Zeiten zuvor, strengen Restriktionen unterworfen. Wollten Juden beispielsweise eine Familie gründen, ihren Wohnsitz verlassen oder sich überhaupt erst im Sauerland neu niederlassen, bedurften sie, wie in der kurkölnischen und hessischen Ära, einer offiziellen Erlaubnis. Zudem war den Verwaltungs- und Polizeibehörden auferlegt worden, alle, "die sich eingeschlichen haben", unverzüglich an ihren alten Wohnort zurückzuschicken. Um den Zuzug von Juden möglichst niedrig zu halten, wurden selbst Juden, die im preußischen Heer gedient hatten, abgeschoben. Auch mußten in den Pässen unbemittelter Juden und wandernder jüdischer Handwerksgesellen Zweck und Ziel der Reise ausdrücklich vermerkt werden. Wer ohne vorschriftsmäßigen Paß angetroffen wurde, galt als Vagabund und war sofort zu verhaften. Nur wenn dem "gefährlichen Herumtreiben der Juden Schranken" gesetzt würde, so hieß es in einem Erlaß der Königlichen Regierung vom 25.Juli 1821, könne die öffentliche Sicherheit gewährleistet werden. Eine andere Verordnung wiederum, vom 9.August 1823, untersagte die Aufnahme fremder Juden in den Gesindedienst, weil "es an einheimischem Gesinde nicht leicht fehlen kann" und die Zulassung Ortsfremder "meistens zur Einnistung und zu unerlaubten Gewerbs-Verkehr Gelegenheit gibt". Noch am 4.8.1841 schrieb ein Erlaß der Regierung in Arnsberg für die in Westfalen wohnenden Juden "die Erteilung eines Geleites, eines Toleranzscheins, eines Heiraths- oder Erwerbs-Consenses vor". Am 20.7.1848 verbot die Arnsberger Regierung das Tragen der jüdischen Amtstracht während des jüdischen Gottesdienstes, weil diese mit dem evangelischen Talar angeblich große Ähnlichkeit aufwies und infolgedessen das Tragen einer solchen Kleidung als "Anmaßung der jüdischen Vorsänger" und "Verspottung der evangelischen Geistlichkeit" empfunden wurde.

Die Amtsträger waren nicht frei von Judenhaß

Ohnehin legten die Behörden die geltenden Bestimmungen fast immer zum Nachteil der Juden aus. Eine Ehescheidung beispielsweise, die der Landesrabbiner J.A.Friedländer 1839 noch nach der Judenordnung von 1700 durchgeführt hatte, wollten die preußischen Beamten nicht anerkennen. Doch als es fünf Jahre vorher, 1834, darum gegangen war, den Juden Westfalens den Branntweinhandel zu verbieten, da hatte die Regierung von Arnsberg ihrerseits nicht gezögert, just auf dieselbe alte Judenordnung zurückzugreifen.

Ausschlaggebend für die anhaltende Diffamierung der westfälischen Juden während der Zeit des Biedermeier war die Haltung des damaligen Oberpräsidenten Ludwig von Vincke und seiner Beamten. Kurz nachdem Westfalen preußisch geworden war, hatte der in Münster residierende Oberpräsident von den Regierungen in Münster, Minden und Arnsberg Gutachten angefordert, die ihn über die Situation der Juden in den einzelnen Regierungsbezirken im allgemeinen und über deren Zahl, berufliche Gliederung und Verhältnis zur christlichen Umwelt im besonderen informieren sollten. Die Expertisen, die dann seit 1817 bei Vincke nach und nach eingingen, fielen sehr unterschiedlich aus. Der Arnsberger Regierungsrat Esser hatte die Lage der Juden recht günstig dargestellt und war darüber hinaus den antijüdischen Vorurteilen seiner Zeit energisch entgegengetreten, denn für ihn waren, wie er nachdrücklich betonte, an der damaligen allgemeinen Misere nicht die Juden schuld, sondern die allgemeine Armut. Zudem sei stets "der Israelit der unterdrückte Teil" gewesen. Da der Staat der Armut nicht rechtzeitig durch entsprechende Maßnahmen vorgebeugt habe, sei auch er allein für die derzeitige Situation im Lande verantwortlich. Unterstützt wurde Esser von einem Mitarbeiter, dem Regierungsrat Heinrich Christian von Ulmenstein, der Essers Gutachten noch zusätzlich mit einigen Bemerkungen versah. (Ulmenstein war 1818 von Potsdam nach Arnsberg gekommen, wo er die Abteilung I leitete, während Esser der Abteilung II vorstand.) Ulmenstein, beeinflußt von den Ideen Hegels und dem liberalen Ansatz Wilhelm von Humboldts, den er vermutlich von seinen Amtsjahren um 1812 in Potsdam her kannte, war seiner Zeit weit voraus. Für ihn war die Geschichte der Juden in Deutschland eine Geschichte des Unrechts, deren Folge nun seine Generation zu tragen habe. Im Gegensatz zu vielen seiner Amtsbrüder, die in Juden immer noch minderwertige Menschen sahen, trat Ulmenstein vehement für deren bedingungslose Gleichberechtigung ein und verurteilte die bisherigen Reformversuche als "Stückwerk", als "ein polizeilich-staatswirtschaftliches Experiment", das man mit Bangen unternommen habe, ohne dessen Erfolg geduldig abzuwarten. Vor allem fand Ulmenstein es unbegreiflich, daß nicht wenige seiner Zeitgenossen bei einer Emanzipation der Juden gleich den Untergang der Staatsgesellschaft befürchteten, denn "eine Staatsgesellschaft", so sagte der fortschrittliche Beamte, "welche für die Erhaltung die Emanzipierung der Juden besorgt zu sein die Ursache hätte, wäre meiner Ansicht nach schon in der Auflösung begriffen." Auch war Ulmenstein einer der wenigen seiner Epoche, die nach 1815 der Ideologie vom christlichen Staat die Idee der Menschlichkeit und der Vernunft entgegensetzten. Der Staat beruhte, seiner Meinung nach, nicht auf dem Christentum, sondern auf der Idee des Rechts. Dieses dürfe nicht als Vorrecht für die christliche Gesellschaft verstanden werden, vielmehr als Recht für alle.

Ulmensteins konservative Kollegen vertraten dagegen den Standpunkt, daß die Idee vom "christlichen Staat" die Emanzipation der Juden ausschlösse. Die katholische Bevölkerung Westfalens teilte diese im Grunde recht rückständige Ansicht, obwohl sie sich gerade nach dem Kölner Kirchenstreit im preußischen Staat keineswegs emanzipiert fühlte. Doch im Gegensatz zum liberalen Bürgertum im Rheinland tat sich das Bürgertum Westfalens in dieser Frage kaum hervor.

Während das Arnsberger Referendum, dank Esser und Ulmenstein, für die jüdische Bevölkerung günstig war, zeichnete sich das Gutachten des Mindener Referenten durch extreme Judenfeindlichkeit aus. Auch das Referendum aus Münster war gespickt mit antijüdischen Ressentiments und alles andere als eine sachliche Darstellung. Vincke jedoch hat, ohne die für Juden positiven Aussagen im Arnsberger Gutachten zu beachten, nur aus den antijüdischen Gutachten, die das Bild der Juden in den schwärzesten Farben malten, Folgerungen gezogen, wahrscheinlich, weil diese Schriftstücke seinen eigenen Voreingenommenheiten entsprachen. Vincke selbst vertrat nämlich die Ansicht, daß "der Jude" verdorben sei. (Offensichtlich hat Vincke reichlich unbekümmert das in seiner Zeit übliche, für uns aber inzwischen problematisch gewordene Kollektivsingular "der Jude"benutzt) Für ihn war dieser ein Mensch, "der Kunst und Wissenschaft nicht ehrt und sich ihnen nicht widmet, wenn sie nicht unmittelbar zum reichen, raschen Gelderwerb ihm die Aussicht bieten, der den Ackerbau und das Handwerk meidet, "weil jede ruhige anhaltende und körperliche Anstrengung erfordernde Arbeit, die nur langsamen und mäßigen Gewinn verspricht, ihm zuwider ist." Weiter behauptete Vincke, "der sittliche Zustand der Juden"wirke" auf die Moralität und die Gewerbsamkeit ihrer christlichen Mitbürger mannigfach schädlich". Auch seien die Juden am Elend der Bauern schuld. Aber Vinckes Haltung war überaus ambivalent. Auf der einen Seite prangerte er den "Wucher" der Juden immer wieder an, auf der anderen Seite fand er nichts dabei, das jüdische Bankhaus Gebrüder Behrend & Co.in Berlin für sich mit Wertpapieren spekulieren zu lassen.

Der Oberpräsident fertigte dann seinerseits aus den einzelnen Schriftstücken für die westfälischen Provinzialstände ein eigenes, ziemlich negatives Hauptgutachten an. Da nicht zu erwarten war, daß der Landtag von den Analysen und den Verbesserungsvorschlägen der Regierung abweichen würde, arbeiteten die Beamte des Landtages "Verbesserungsvorschläge" aus, die alles wieder zunichte machten, was es seit Christian Wilhelm Dohm(1751-1820), dem engagierten Vorkämpfer der Emanzipation, an Emanzipationsbestrebungen in Preußen gegeben hatte. Außerdem schlug der Landtag"Mittel zur Verhinderung der aus der Verderbtheit der gegenwärtigen jüdischen Generation entstandenen Übel" vor, wie etwa die "Aufhebung des ihnen voreilig durch die Fremdherrschaft ertheilten Bürgerrechts" sowie das Verbot,Grundbesitz und Häuser zu erwerben. Auf diese Weise wollte man, wie es hieß, jeder "übertriebenen Judenbegünstigung" Schranken setzen. Überdies waren die deutschen Regierungen in der um 1815 einsetzenden Restaurationszeit angestrengt darauf bedacht, die Verhältnisse möglichst wieder so herzustellen,wie sie vor der Revolution vor 1798 gewesen waren, das heißt, alle Bestimmungen, die Juden unter Napoleon die gleichen Rechte und Chancen wie den Christen eingeräumt hatten,sollten wieder rückgängig gemacht werden.

Die Austreibung der Juden zu fordern gehörte zwar nicht mehr zum Programm der Politik, sondern blieb allein radikalen Publizisten vorbehalten. Denn für die Regierungen war mittlerweile die Emanzipation der Juden, trotz aller Verzögerungen und Widerstände im einzelnen, zu einem unumstößlichen Ziel geworden. Das schloß indessen nicht aus, daß in der Provinzbürokratie einzelne Beamte eine ablehnende Haltung gegen die weitere bürgerliche und politische Gleichstellung der Juden einnahmen und manche ihre durch Erziehung und Sozialisation erworbene antijüdische Einstellung über eine lange Amtszeit hinweg beibehielten. Auch der Oberpräsident der Provinz Westfalen, Ludwig von Vincke, ließ nicht locker. In einer Denkschrift an das preußische Ministerium des Inneren, das eine Vereinheitlichung der Judenordnungen in Preußen vorbereitete, schlug er 1827 ernsthaft vor, "sämtlichen Juden in der preußischen Monarchie vor die Wahl zu stellen, innerhalb einer zehnjährigen Frist entweder sich taufen zu lassen oder das Reich unerläßlich zu räumen". Nach seiner "innersten Überzeugung" seien die Vorschläge der westfälischen Ständeversammlung zur Rechtsposition der Juden im glücklichsten Falle nur dazu geeignet, den "greulichen Druck" seitens des Judentums einigermaßen zu mildern, "daß jedoch diese philanthropische Hoffnung gänzlich aufgegeben werden muß, dadurch das Judentum in den Juden zu vertilgen und die Assimilierung desselben mit der christlichen Gesellschaft herbeizuführen." Vincke vertrat die "harte Linie" der Emanzipation, der es letztlich um eine totale Auflösung des Judentums ging. Mit seiner Forderung,die Beschneidung zu verbieten, wollte Vincke die Juden darin hindern, am Judentum festzuhalten. Vincke befleißigte sich der typischen Strategie bestimmter Judenfeinde, die ihre Assimilationsforderungen an die Juden so hoch schraubten, daß diese sie unmöglich erfüllen konnten. Auf diese Weise hoffte mancher, sich der Juden entledigen zu können.

Landrat Thüsing in Arnsberg wollte dagegen die jüdische Theologie "verbessert" sehen, damit sie nicht die Juden abhalte, "in solche Lebensverhältnisse zu treten, wie dieses unter allen übrigen Glaubensverwandten wirklich der Fall ist". Er glaubte, daß Juden zu körperlicher Arbeit nicht fähig seien und berief sich dabei auf Analogien aus dem Tierreich. Außerdem schlug Thüsing vor, die Juden in eigenen Kolonien anzusiedeln. Während Essers Ziel die Annäherung des Judentums an das Christentum war, wollten andere die Juden unbedingt zum Christentum bekehren.

Aber auch der ein oder andere Arnsberger Regierungspräsident war nicht frei von Judenhaß. Am 27.3.1822 schrieb der damalige Arnsberger Regierungspräsident an den Landrat Thüsing daß "des Königs Majestät sich die hin und wieder vorkommenden prangenden Bekanntmachungen in öffentlichen Blättern wegen jüdischer Religionsfeierlichkeiten und der Theilnahme christlicher Prediger an denselben wiederholt geäußert und die Aufnahme von dergleichen Anzeigen in die Zeitung untersagt haben." Künftig sollten derartige Anzeigen zurückgewiesen werden. Immerhin seien die jüdischen Gemeinden doch "nur geduldete Religionsgemeinschaften".(Der Name des Regierungspräsidenten wird in der Chronik zwar nicht genannt, aber nach meiner Berechnung müßte es der Regierungspräsident Friedrich von Bernuth gewesen sein, der das Amt des Regierungspräsidenten von 1816 bis 1825 innehatte.)

Der Regierungspräsident Georg Wilhelm Keßler (1782-1846) wiederum äußerte sich in einem Bericht vom 27.5.1844 zu einem Vorfall in Geseke, in den Juden und Antisemiten verwickelt waren, mit deutlich antijüdischen Affekten. Ein jüdischer Junge war gegen den Willen seines Vaters in der katholischen Kirche zu Werl getauft und im Laufe der Streitigkeiten von der Regierung zu Arnsberg gegen den erbitterten Widerstand des Vaters unter die Kuratel eines katholischen Geistlichen gestellt und zum Gymnasium nach Paderborn gebracht worden war. Als jedoch die Unruhen und antisemitischen Umtriebe in Geseke weiter anhielten, ließ die Regierung in Arnsberg wegen der vorgefallenen Exzesse das Schützenfest des Jahres 1845 verbieten. Der Familie des Knaben blieb schließlich nichts anderes übrig, als nach Gütersloh überzusiedeln.

Auch die übrigen Amtsträger in Arnsberg und Neheim waren nicht immer frei von Judenhaß. Erinnert sei nur an den Ausspruch des Arnsberger Bürgermeisters Matthias Werner Hüser(1799-1802): "Die Juden hausieren mit ihren Knechten unaufhörlich in den Häusern, treiben im eigenen Haus allerhand Handel und untergraben den Wohlstand anderer solider Bürger."(Ironie der Geschichte. Hüser wohnte ausgerechnet in dem Haus in der Schloßstraße, in dem einige Jahre später die Synagoge eingerichtet wurde)

Wenige Jahre darauf, nämlich 1818 klagte die Stadt Arnsberg gegen den Preußischen Staat wegen der Aufhebung des Judenprivilegs von 1671. Für das Niederlassungsverbot von Juden in ihrer Stadt hatte sie seinerzeit an Kurfürst Maximilian Heinrich 200 Reichsthaler entrichtet. "Was allen Kurfürsten nach Max Heinrich heilig gewesen war, wurde aber im Jahre 1810 nicht mehr geehret." Jetzt nachdem das Privileg fortgefallen war, wollte die Stadt das Geld zurückerstattet bekommen zuzüglich 5% Zinsen, die seit 1810 angefallen waren, von insgesamt 395 Reichsthalern und 4 Schillingen.

Offensichtlich entsprach die antijüdische Einstellung Vinckes und seiner Beamten weitgehend der Stimmung der Bevölkerung. Immerhin war es 1819 im Zusammenhang mit den sogenannten Hepp-Hepp-Krawallen im gesamten Land auch in Westfalen an verschiedenen Orten, wie etwa in Enger und Hamm, zu antijüdischen Ausschreitungen gekommen, die sich 1833 und 1844/45 in Geseke(Regierungsbezirk Arnsberg) und im nahegelegenen Dorf Störmede und 1843 in Minden (hier agitierte der Antisemit Heinrich Eugen Macard) wiederholten. Häufig griff das Militär ein, freilich weniger zum Schutze der Juden, als vielmehr um die öffentliche Ordnung zu sichern. In Arnsberg selbst war es allerdings um diese Zeit erfreulicherweise ruhig geblieben.

Die Entwicklung der jüdischen Gemeinden in Arnsberg, Neheim und Hüsten

Die Haltung der christlichen und nichtjüdischen Gesetzgeber und Beamten gegenüber jüdischen Bürgern war, wie man sieht, weder durch christliche Nächstenliebe noch durch Gemeinschaftsgefühl noch durch Humanität geprägt. Wie aber sah es in den jüdischen Gemeinden in Westfalen, insbesondere in Arnsberg und Neheim, aus? Wie waren diese organisiert? Wie haben sie sich im Laufe des Biedermeier entwickelt? In Westfalen bildeten die Juden eine Gesamtkorporation und mußten bis 1832 ein Schutzgeld von 1250 Reichstalern zahlen. Ihre Gemeinden waren private, nur geduldete Vereine mit eigenem Statut und eigenen Selbstverwaltungsorganen und standen außerhalb direkter staatlicher Aufsicht. Alljährlich wählte die Gemeinde auf demokratischem Wege aus ihrer Mitte einen Vorsteher und einen Rendanten. Dem einen oblag die Pflege des "Cultus", der andere kümmerte sich um die finanziellen Belange.

Spätestens seit Anfang 1825 gab es in Arnsberg eine jüdische Volksschule und einen jüdischen Lehrer. Beide wurden oft unter erheblichen Opfern von den jüdischen Familien unterhalten. Die Gemeinde war so arm, daß die Stadt eine Zeitlang sogar den Brennstoff für die Heizung zur Verfügung stellte. Als von 1832 bis 1835 die jüdische Lehrstelle in Arnsberg unbesetzt war, mußten die jüdischen Kinder die christliche Schule besuchen und hier Schuldgeld zahlen. Der jüdische Schulunterricht wurde im allgemeinen in der Synagoge erteilt, die nicht mehr als ein Betsaal in einem angemieteten Raum war. 1839 wurden beide, Synagoge und Schule, in das von der Gemeinde angekaufte"Hüsersche Haus"auf der Schloßstraße verlegt. Der Geschichtsforscher Johann Suibert Seibert beschrieb die Synagoge zwar als "ein wunderschön verschachteltes Haus". Doch darf man sich auch diese Synagoge nicht als ein großartiges Gotteshaus vorstellen. Auch hier mußten sich die Arnsberger Juden mit einer Betstube für den Gottesdienst begnügen, an dem auch Rumbecker und Freienohler Juden teilnahmen, während die Bruchhausener Juden zur Synagogengemeinde Hüsten gehörten. Die in dem Gebäude untergebrachte Schule wurde durchschnittlich von etwa fünfzehn jüdischen Kindern besucht. Der Schulunterricht erfuhr hier wahrscheinlich nur einmal, und zwar durch den Stadtbrand 1847, eine kurze Unterbrechung. Die jüdischen Lehrer, die anfänglich häufig wechselten, wurden von der Gemeinde angestellt. Diese leiteten meistens auch den Gottesdienst und trauten jüdische Hochzeitspaare. (Die erste jüdische Hochzeit fand in Arnsberg 1837 zwischen dem Metzger Philipp Amberg und J.Neuwahl statt.) Denn wegen der geringen Mitgliederzahl hatte die Arnsberger jüdische Gemeinde, die sich in den Jahren zwischen 1830 und 1860 konstituiert hatte, keinen eigenen Rabbiner. Beschneidungen nahmen daher die Rabbiner aus den Nachbarstädten Warstein und Brilon vor. Der Vorsteher der Gemeinde war befugt, zur Aufrechterhaltung der Ordnung und Ruhe beim Gottesdienst, wenn es nötig war, kleine Geldstrafen zu verhängen und Störenfriede aus der Gemeinde auszuschließen. Mit dem Bann wurde freilich nicht mehr gestraft. Manchmal schlichtete die Streitigkeiten in der Gemeinde auch der Landesrabbiner in Brilon, obgleich dieser offensichtlich nur eine beratende Funktion inne hatte. Für religiöse Fragen jedoch war er ein wichtiger Ansprechpartner. Zu seinen Aufgaben gehörte ferner, die 1836 entwickelte Arnsberger Gemeindedienstordnung, zu bestätigen. In der Zeit vor 1836 waren allem Anschein nach unterschiedliche religiöse Praktiken unter den Mitgliedern gang und gäbe gewesen. Gleichwohl zogen sich Dispute über die Gemeindedienstordnung noch bis 1860 hin.

In Neheim zählte die schon damals zweihundert Jahre alte israelische Gemeinde Mitte des vorigen Jahrhunderts zwischen fünfzig und sechzig Personen. Im Herbst 1831 stellten die jüdischen Familien Neheims den ersten Antrag auf ein eigenes Gotteshaus, der vom Bürgermeister Reifenberg unterstützt, aber vom Landrat Thüsing abgelehnt wurde. Daraufhin erwarben die Neheimer Juden eine "Betstube" in einem angepachteten Lokal, in der sich, wie in Arnsberg, auch die Elementar- und Religionsschule befand. Erst ab 1876 besaß die Neheimer jüdische Gemeinde eine richtige Synagoge. Vorsteher der jüdischen Gemeinde zunächst war Amschel Ostberg, ab 1830 Joseph Reifenberg und um die Jahrhundertmitte Noa Wolff. Ihr Ziel, Sitz des Synagogenbezirks zu werden, erreichten die Neheimer Juden jedoch nicht. Arnsberg wurde als Regierungsbezirk vorgezogen. Neheim, Hüsten und Warstein wurden dagegen "nur" Synagogengemeinden.

Neheim besaß schon seit 1819 eine jüdische Elementarschule. Sie war eine der ältesten in der preußischen Provinz Westfalen. Anfangs wurde der jüdische Schulunterricht reihum in den Wohnungen der Familien abgehalten. Noa Wolff und Isaac Langstadt sorgten dafür, daß Räume, Lehrerwohnung und Lernmittel bereitgestellt wurden, so daß die Neheimer jüdische Schule einen Vergleich mit den größeren katholischen Schulen nicht zu scheuen brauchte. Lange bevor evangelische Schulen im Neheimer und Arnsberger Bezirk gegründet wurden, existierten in den Stadtteilen Neheim und Hüsten bereits israelitische Schulen, über die die Kirche die Aufsicht ausübte. Auch der israelische Lehrer mußte sich dort verantworten. Dieser unterrichtete seine Schüler nicht nur in Rechnen und deutscher Sprache, die ihnen wegen der Integration sehr wichtig war, sondern ebenfalls in Hebräisch und im mosaischen Gesetz. Auch in Neheim wurde der jüdische Lehrer durch Übereinkommen der einzelnen Gemeindemitglieder angestellt und von der königlichen Regierung konzessioniert.

Durch eine Verordnung vom 8.Mai 1817 waren die jüdischen Eltern verpflichtet worden, ihre Kinder einzuschulen und Schulgeld zu zahlen. Von den Behörden war ihnen indessen zunächst untersagt worden, ihre Kinder dem"meistens auf ein halbes oder ganzes Jahr gedungenen Lehrer aus ihren Religionsverwandten" anzuvertrauen, da diese "so wenig nach ihrem sittlichen Charakter als nach ihrer Geschicklichkeit zu Bildnern der Jugend geeignet" seien. Trotz dieser mehr als unfreundlichen Unterstellungen konnte 1825 in Hüsten ein jüdischer Lehrer angestellt werden, der zuvor den "Normalkursus" bei Pfarrer Friedrich Adolf Sauer(1765-1839) in Arnsberg erfolgreich absolviert hatte und dem die Befähigung für den jüdischen Elementarunterricht von Rabbiner Cohen zu Geseke bestätigt worden war.

Diesmal hat Ludwig von Vincke selbst mit dafür gesorgt, daß die jüdischen Gemeinden ihre alten "Winkelschulen" in leistungsfähige private Elementarschulen umwandelten und nur solche Lehrer anstellten, die sich in Preußen einer Prüfung unterzogen hatten. Da in den jüdischen Schulen in Westfalen auf etwa 16 Kinder ein Lehrer kam, hatten die jüdischen Kinder weitaus bessere Bildungschancen als die Kinder in den christlichen Elementarschulen, wo durchschnittlich fünfzig Kinder von einem Lehrer unterrichtet wurden. Zudem bekamen die jüdischen Prüfungskandidaten, die im Seminar von Werl oder Soest eine Prüfung ablegten, nicht selten die besten Noten.

Dennoch blieben den jüdischen Gemeinden die besonderen Privilegien, die den christlichen Kirchengemeinden eingeräumt worden waren, vorenthalten, da die preußische Regierung weiterhin den Standpunkt vertrat, daß der Schutz der geduldeten jüdischen Religion nicht zu ihren Aufgaben gehöre, weil diese ein "Fremdkörper im christlichen Staat" sei.

Eine Reihe von Gesetzen und Kabinettsorder begleitete auch in Westfalen den Weg der Juden in die Emanzipation. Durch die Kabinettsorder vom 31. Oktober 1845 wurde in den Regierungsbezirken Münster und Arnsberg, in denen bisher nur ein Teil der Juden Familiennamen angenommen hatte, die Übernahme von deutschen Nachnamen vorangetrieben. Daraufhin trugen sich im Regierungsbezirk Arnsberg 1233 jüdische Bürger in das Namenverzeichnis ein, aus dem Kreis Arnsberg waren es 71, in Arnsberg selbst elf Juden und in Rumbeck ein Jude. Jacob Feidel bekam zum Beispiel den Namen Feidelberg, Isaac Nehemias den Namen Goldberg und Joseph Herz den Namen Herzberg. Zwei Monate später wurde durch das Gesetz vom 21.12.1845 der Militärdienst für Juden eingeführt. Als Soldaten waren Juden jetzt zwar gleichberechtigt, aber ins Offizierkorps wurden sie nicht aufgenommen.

Der rechtliche und wirtschaftliche Aufstieg der Juden

Erst 1847 wurde die rechtliche Situation der Juden in der preußischen Monarchie durch ein Gesetz vereinheitlicht. Doch hatten die Juden nach wie vor allen Grund, sich nur als Staatsbürger zweiter Klasse zu fühlen. Die Zivilehe wurde ihnen wohl zugestanden, aber die ständischen Rechte blieben ihnen verwehrt. Bestimmte Berufe und Ämter, die mit richterlicher, polizeilicher oder exekutiver Gewalt verbunden waren, durften Juden nicht ausüben, noch durften sie an den Universitäten Dekan, Prorektor oder Rektor sein, ja nicht einmal alle Fächer durften sie studieren und lehren, mit Ausnahme der Fachbereiche Medizin, Mathematik und Physik.

Nach den über die Jahrhunderte hinweg andauernden Demütigungen brachte das 19.Jahrhundert für Juden manchen Wechsel in ihrer Geschichte und in ihrem Zusammenleben mit der übrigen Bevölkerung. Die während der Aufklärung verkündete Gleichheit aller Menschen führte in den durch die Industrialisierung stark anwachsenden Orten Neheim und Hüsten zu einem wirtschaftlichen und auch gesellschaftlichen Aufstieg der meisten jüdischen Familien. In preußischer Zeit entwickelte sich die Judenschaft in der Stadt Neheim und in der Freiheit Hüsten freier und zukunftssicherer als in den Epochen zuvor.

Nachdem die Juden am 23.Juni 1847 im Königreich Preußen durch das Gesetz nahezu gleichberechtigt worden waren, bemühten sich die Neheimer Juden, unter ihnen der jüdische Fabrikant Noa Wolff, erneut um Aufnahme in die Bürgerrolle, diesmal mit Erfolg, so daß sie am 30.November 1847 zum ersten Mal an einer Wahl zur Stadtvertretung in Neheim teilnehmen konnten. In der Vorbereitungsphase für das Gesetz zur bürgerlichen Gleichstellung der Juden widmeten bei grundsätzlicher Anerkennung der freien Religionsausübung die staatlichen Behörden der Ordnung des jüdischen Kultuswesen eine gewisse Aufmerksamkeit. Die Königliche Regierung in Arnsberg richtete am 3.April 1843 ein Rundschreiben an die Landräte des Regierungsbezirks sowie an den jüdischen Obervorsteher Hellwitz in Soest und den Ober-Rabbiner Friedländer, um Auskünfte über den Zustand des jüdischen Kultus- und Schulwesens in ihrem Bezirk einzuholen. Die Anfrage wurden von den Landräten an die Magistrate weitergegeben. Obwohl die Bürgermeister der einzelnen Städte über die bei ihnen ansässigen Juden der Regierung noch gesondert Bericht zu erstatten hatten, verhandelten doch der Rat der Stadt und der Vorstand der Synagogengemeinde gleichberechtigt miteinander und respektierten einander als Partner. Die Bürgermeister nahmen sich der Sorgen der Minderheit an, sowohl in Neheim als auch in Arnsberg, und vertraten sie auch gegenüber dem Landrat und der Regierung.

Während der Zeit von 1671 bis 1802, in der für Arnsberg ein Niederlassungsverbot für Juden bestanden hatte, war in Neheim und Hüsten die Zahl der Juden stetig gewachsen. Die meisten hatten von hier aus den Arnsberger Wochenmarkt besucht. Vieles spricht dafür, daß die Bürger in Neheim und in Hüsten die bei ihnen lebenden Juden auch damals schon weitgehend akzeptiert hatten. Kritisch standen sie vor allem jenen gegenüber, die unter dem Schutz der Kaufleute als Knechte und Mägde" unvergleitet" zugezogen waren, weil sie in diesen künftige Konkurrenten sahen.

Der Aufhebung des fragwürdigen Arnsberger Privilegs einer "judenfreien" Stadt folgte eine starke Abwanderung in die Regierungsstadt. Zwischen den Juden beider Orte bestanden fortan zwei Generationen hindurch enge Beziehungen. So beerdigten die Arnsberger Juden ihre Toten lange Zeit auf dem israelitischen Friedhof in Hüsten bis sie 1847 am Seltersberg einen eigenen Friedhof bekamen.

Von 1810 an ließen sich in Arnsberg immer mehr jüdische Familien nieder. Abraham Levi(1789-1851)wurde am 24.10.1811 als erster jüdischer Bürger in das Arnsberger Bürgerbuch aufgenommen. 1843 wird die Zahl der Juden in Arnsberg mit 59 beziffert.Im Jahr 1848 wohnten hier wahrscheinlich zwölf jüdische Familien mit insgesamt 69 Seelen. Ein Jahr später waren in der Stadt Arnsberg 82 Juden ansässig, in der Stadt Neheim 63 und im "Platten Land" 218, im Kreis Arnsberg also 363. Der Bevölkerungsanteil der Juden im untersuchten Zeitraum machte noch keine zwei Prozent aus.

Auch die Juden in Arnsberg und in den umliegenden Ortschaften erlebten einen allmählichen wirtschaftlichen Aufstieg und spielten im Wirtschafts- und Geschäftsleben der Stadt alsbald eine wichtige Rolle. Jüdische Kaufleute bauten in Arnsberg, Neheim und Hüsten angesehene und florierende Geschäfte auf und gehörten innerhalb kurzer Zeit zum wohlhabenden Mittelstand. Daneben wurden traditionelle Handelssparten - besonders der Viehhandel - mit Erfolg weitergeführt ebenso Handwerksbetriebe, vor allem Fleischereien. Aber auch das religiöse, geistige und kulturelle Leben wurde in Arnsberg durch die jüdische Gemeinde bereichert. Akademische Berufe waren in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts hier freilich wie im übrigen Sauerland noch selten. Erst 1863 eröffnete ein jüdischer Arzt, Dr.Albert Amberg, in Arnsberg eine Praxis. Besonders erfolgreich war der Fabrikant Noa Wolff mit seiner Fabrik für Nadeln und andere Metallerzeugnisse in Neheim. (Er wurde 1808 in Berleburg geboren und starb 1907 in Neheim). Neben Friedrich Wilhelm Brökelmann und Josef Cossack hat er Neheim aus dem Zustand einer armen Stadt zur Industriestadt geführt. In jungen Jahren freilich stellten sich Noa Wolff alle Vorurteile einer Kleinstadt in den Weg. Für die meisten war er nur ein Bürger zweiter Klasse, zum Beispiel wurde ihm vom Neheimer Bürgermeister Carl-Joseph Dinslage (1818-1886) lange das Wahlrecht verweigert, und das zu einem Zeitpunkt, an dem schon ein großer Teil der Neheimer Bürger von Wolff abhängig war. In einem Brief an den Oberpräsidenten von Vincke klagte Wolff über "Schwierigkeiten, in einem Ort eine Fabrik zu etablieren, wo selbst erst der Fabrikgeist geweckt werden muß."

Im Herbst 1834 jedoch konnte die Firma Wolff & Elias schon 48 Fabrikarbeitern Lohn und Brot bieten und mußte den Betrieb vergrößern. Freiherr von Vincke, der sich Jahre vorher noch so unfreundlich über Juden geäußert hatte, besichtigte höchstpersönlich im Februar 1834 Wolffs Fabrik und vermittelte dem Fabrikanten die finanzielle Hilfe des Freiherrn Franz Egon von Fürstenberg-Stammheim. Für seine Finanzspritze verlangte der Freiherr, "daß als Arbeiter nur Eingebürgerte Neheims darin gezogen werden sollten, ausgenommen die Fabrikmeister." Für seine Arbeiter gründete Wolff, lange vor ähnlichen staatlichen Maßnahmen eine private Arbeiter-, Kranken- und Unterstützungskasse. Als tiefreligiöser Mensch legte Wolff großen Wert darauf, daß seine Arbeiter sonntags den Gottesdienst besuchten. Den Bau der Neheimer Synagoge an der Mendener Straße hat er ebenso gefördert wie die israelische Schule in Neheim. Später erhielt er für seine Verdienste den Roten Adlerorden IV.Klasse. Die Bürger beriefen ihn zum Ehrenbürger der Stadt Neheim und nannten ihn im hohen Alter liebevoll "Vatter oder Vätterken Noa".

Konflikte in der jüdischen Gemeinde

Durch ihren sozialen Aufstieg und ihre Angleichung an die bürgerliche Umwelt, lösten sich viele Juden allmählich von ihren strengen Riten und Gebräuchen. Die Religion stand zwar immer noch im Mittelpunkt ihres Daseins. Doch bestimmte sie nun nicht mehr allein das Grundmuster ihrer kulturellen Existenz. Sie begannen sich nicht nur als Juden, sondern auch als Deutsche oder als echte Westfalen oder mehr noch als Arnsberger oder Neheimer Bürger zu sehen. Dabei kam es zu einem schärfer wachsenden Konflikt zwischen den Generationen und innerhalb der Gemeinden, vor allem zwischen den Anhängern der Orthodoxie und den Vertretern der gleichfalls in sich gespaltenen Reformbewegung. In Westfalen gruppierten sich die jüdische Orthodoxie und die Reformer um die beiden Hauptkontrahenten Abraham Sutro (1784-1869), den Landesrabbiner von Münster, und Lazar Levi Hellwitz (1786-1860) aus Soest, den Obervorsteher der Juden im Herzogtum Westfalen. Während dieser für eine völlige geistige Assimilation der Juden eintrat, die er mit Hilfe des Staates "zu einer gleichen Stufe der Bildung mit den Christen hinzuleiten" gedachte, sah sein Gegenspieler Sutro in der Emanzipation eine rein juristische Angelegenheit.

Ansatzweise kam es auch in Arnsberg in der jüdischen Gemeinde zu Konflikten zwischen modernen und konservativen Juden. Überwiegend waren die Mitglieder der Gemeinde fortschrittlich und liberal eingestellt. "Einige Juden, gehören zu den Altgläubigen", heißt es in einem amtlichen Schreiben, "die Mehrheit sind Neologen. Ein Unterschied in sittlicher Beziehung hat sich nicht herausgestellt."

Verhältnismäßig früh waren daher in der jüdischen Gemeinde in Arnsberg deutsche Gesänge eingeführt worden. Ein Schlaglicht auf die damaligen Situation in kleinen Gemeinden wirft ein Brief des Arnsberger Bürgermeisters vom 18.6.1843 an seine Vorgesetzten, in dem er darüber berichtet, daß man auf deutsche Gesänge in der Gemeinde wieder verzichtet habe, da der derzeitige Lehrer den Gesang nicht zu leiten verstünde. Es würden aber Predigten und Konfirmationen in deutscher Sprache gehalten. Es fehlte in der Arnsberger Gemeinde mithin nicht so sehr an Reformwillen, sondern an kompetenten Leuten, die als "Vorsänger" mit den neuen musikalischen Formen vertraut waren.

Wie aber kam es, daß ausgerechnet in dem sonst so konservativen Westfalen die jüdischen Gemeinden durchaus liberal eingestellt waren? Arno Herzig sieht den Grund hierfür im sozialen Aufstieg der Juden in den mittleren bis gehobenen Bürgertum, das politisch zum Liberalismus neigte. Das jüdische Bürgertum sei in das nichtjüdische integriert gewesen, meint Herzig, ohne auf sein Bekenntnis zur jüdischen Religion zu verzichten. Ihre Integration sei auch dadurch erleichtert, weil die jüdischen Bürger im Bürgertum keine Sonderklassen bildeten. Es fehlte in Westfalen die jüdische Geldaristokratie, da es hier weder übermächtige Bankiers noch überreiche Industriemagnaten gab. Auch die Schicht der kritischen Intellektuellen, die den Sozialisten nahestanden und das Bürgertum attackierten, sucht man unter den westfälischen Juden vergebens. Diese fühlten sich mehr und mehr, das gilt besonders für die Anhänger des Reformjudentums, als Zugehörige der deutschen Nation.

Dennoch sind die Bemühungen der jüdischen Gemeinde in Arnsberg, religiöse Reformen einzuführen, letztlich gescheitert, da die Mehrzahl der westfälischen Juden außerhalb Arnsbergs am überlieferten Judentum hartnäckig festhielt. Der allgemeine Säkularisierungsprozeß machte zwar vor dem Sauerland nicht Halt, doch traten all diese Entwicklungen hier nur abgeschwächt in Erscheinung.

Wie tolerant und liberal damals schon einige Juden dachten, verdeutlicht eine Annonce des in Arnsberg wohnenden jüdischen Kaufmanns Albert Ostwald, mit der er einen Lehrling suchte und der es hieß:"..nach einem bestimmten Religionsbekenntnis wird nicht gefragt, da bei der im Hause herrschenden Toleranz jedem vollste Rechnung getragen wird."

Das Verhältnis der Arnsberger Bevölkerung zu den jüdischen Bürgern

Offensichtlich lebte die Arnsberger Bevölkerung mit den in ihrer Stadt ansässigen Juden in einem spannungsfreien Verhältnis. Die jüdische Minderheit wurde anscheinend nicht diskriminiert. Davon, daß sich wie an anderen Orten, christliche Kaufleute aus Furcht vor Einbußen durch die neue unliebsame Konkurrenz,zu antijüdischen Äußerungen oder Handlungen haben hinreißen lassen, ist in Arnsberg nichts bekannt. Mehr noch, es gab sogar Fälle, in denen sich Arnsberger Bürger um verarmte Juden kümmerten, wie etwa um den früh verwitweten und zu allem Unglück auch noch verarmten Nathan Schiff, der nicht wußte, wie er das Schulgeld für seine vier minderjährigen Söhne aufbringen sollte. "Sein Schicksal", schreibt der Arnsberger Stadtarchivar Michael Gosmann, "hat nicht nur die jüdische Gemeinde, sondern in ganz Arnsberg Mitleid erregt. 1833 kümmerte sich Bürgermeister Freiherr von Devivere (1798-1878) persönlich um diesen Fall und die offensichtlich begabten Kinder." Umgekehrt haben auch wohlhabende jüdische Familien, so Levi Funke und seine Frau Hanna, arme, hilfsbedürftige Arnsberger tatkräftig unterstützt.

Ein weiterer wichtiger Indikator für ein freundschaftliches Miteinander ist die verhältnismäßig frühe Aufnahme von Juden in die Arnsberger Schützengesellschaft. Dazu muß man wissen, daß die nach dem Heiligen Fabian und dem Heiligen Sebastian benannte Bruderschaft der Arnsberger Schützen eine religiöse Gemeinschaft war, in der von ihrem Selbstverständnis her lange Zeit die Aufnahme von Juden nicht möglich war. Zugleich muß man sich in diesem Zusammenhang auch vor Augen halten, daß in dem christlich-katholisch geprägten Arnsberg noch zweihundert Jahre vorher, nämlich bis 1608, ein Nichtkatholik nicht Bürger von Arnsberg werden konnte.

Als 1820 die Schützenbruderschaft wieder begründet worden war, wurde sie gleichzeitig in eine Schützengesellschaft umgewandelt. Damit hatte man allen Bürgern das Tor zur Mitgliederschaft ohne religiöse Einschränkung geöffnet. Aber natürlich lebte der "alte Schützengeist" auch in der neuen Gesellschaft fort. Nach wie vor war es selbstverständlich, daß Schützenbruder nur werden konnte, wer im Ort ansässig war, einen "anständigen"Beruf ausübte, einen guten Leumund hatte, hilfsbereit war und es an der nötigen Liebe zum Vaterland nicht fehlen ließ. Jeder Bürger betrachtete es daher als große Ehre, Mitglied der Arnsberger Bürgerschützengesellschaft zu werden. Trotz all dieser Einschränkungen verzeichnete die Arnsberger Schützengesellschaft bereits seit 1825 zwei jüdische Mitglieder.

An anderen Orten Westfalens wurden dagegen im 19.Jahrhundert oft erbitterte und lang andauernde Auseinandersetzungen um die Frage geführt, ob und unter welchen Bedingungen jüdischen Ortsbewohnern der Zugang zu Schützenvereinen und zum Schützenfest zu gestatten sei. Als in Werl, der dort ansässige wohlhabende jüdische Geldhändler Levi Lazarus Hellwitz im Sommer 1825 den Antrag auf Mitgliedschaft in der St.Sebastianus-Bruderschaft und Teilnahme am Schützenfest stellte, kam es deswegen zu lang andauernden scharfen Exzessen, so daß sich Hellwitz 1827 gezwungen sah, nach Soest überzusiedeln.

Auch andere Zeugnisse bestätigen für Arnsberg und seine Nachbarorte einen freundschaftlichen Umgang jüdischer und christlicher Familien miteinander. Das zeigte sich auch bei der herzlichen Verabschiedung von Dr.Alexander Friedländer bei seiner Ausreise nach Amerika.

Stadtverwaltung wird wichtiger Ansprechpartner der jüdischen Gemeinde

Darüber hinaus wurde die Stadtverwaltung zum wichtigen Ansprechpartner und stets gesuchten wie auch bemühten Vermittler der jüdischen Gemeinde in Arnsberg. Interne Streitigkeiten innerhalb der Gemeinde, "alte eingeschlichene Mißbräuche" im Gottesdienst, die Zahlungsunwilligkeit einzelner Mitglieder scheinen den Alltag der Gemeinde zwischen 1830 bis 1850 häufig belastet zu haben. Immer wieder kam es vor, daß Gemeindemitglieder nicht bereit waren, die von der Mehrheit gefaßten Beschlüsse mitzutragen und sich den Anordnungen des Vorstehers zu fügen. Aber oft blieben Sanktionen bis hin zum Ausschlußverfahren erfolglos, so daß sich sowohl die Gemeindevorstände als auch die "Störenfriede" hilfesuchend mit Klagen und Bitten um Rechtsbeistand und Vermittlung an die staatlichen und städtischen Autoritäten wandten. Stadt und Kreis verwiesen zwar stets auf das geltende Recht, wonach jüdische Gemeinden als Privatvereine galten und staatliche Behörden daher nicht befugt waren, in innere Angelegenheiten der Gemeinde einzugreifen. Gleichwohl haben die Behörden sich den Bitten der Gemeinde nie verschlossen und stets versucht, zwischen den Kontrahenten zu vermitteln - allerdings mit wechselndem Erfolg.

Nathan Schiff beispielsweise erregte, vielleicht weil er sich ohnehin in einer mißlichen Lage befand, einige Male den Zorn der übrigen Arnsberger Gemeindemitglieder. Der Vorsteher der Israelitischen Gemeinde beschwerte sich daraufhin beim Landrat im Februar 1834 und bat um Schiffs Verhaftung. Nathan Schiff erkenne, so schrieb der Vorsteher, die geltende Gottesdienstordnung nicht an, er "empört sich lauthals in der Synagoge und stellt die Autorität des Vorstehers öffentlich in Frage." In einer kurzen Antwort erklärte sich der Landrat für religiöse und vereinsinterne Fragen nicht zuständig und empfahl, den Vorfall mit dem Obervorsteher der jüdischen Gemeinde zu erörtern. Am 13.2.1835 beklagte sich der Vorsteher der Gemeinde gegenüber dem Landrat über drei Mitglieder - es sollen die Vermögendsten der Gemeinde gewesen sein - , weil sich diese geweigert hatten, einen Beitrag zur Einstellung eines Kantors zu leisten. Der Streit um Beitragszahlungen flackerte immer wieder auf, gefolgt von neuen erfolglosen Vermittlungsversuche des Bürgermeisters. Am 23.7.1845 beschwerte sich der jüdische Lehrer Gans, daß ihm die Lehrerstelle von dem Vorsteher der jüdischen Gemeinde gekündigt worden sei.

Auffällig in allen Schriftstücken der städtischen Akte über den "Kultus der Juden" ist der freundliche Umgangston zwischen den staatlichen Behörden und den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde, der auf ein entspanntes Verhältnis schließen läßt. Die Hilfs- und Kooperationsbereitschaft der Stadt dokumentiert zweifellos den Wertewandel in der Gesellschaft seit der Französischen Revolution, der offenbar sogar vor den Amtsstuben nicht Halt gemacht hat.

Die Tatsache, daß sich die jüdische Gemeinde öfter hilfesuchend vertrauensvoll an die Behörden wandte, zeigt ein gewisses Maß an Vertrauen in die guten Absichten der Stadt Arnsberg und des preußischen Staates und läßt auch darauf schließen, daß es für die Gemeinde keine Bedrohung von außen gab, der sie zu einem engen Zusammenschluß genötigt hätte.

Die Juden erscheinen in den Quellen nun nicht mehr als abgesonderte oder absonderliche Gruppe, sondern als Menschen mit unterschiedlichem Charakter, als selbstbewußte Mitglieder, die sich nicht scheuten, Kontroversen und Streitigkeiten untereinander öffentlich austragen. Es war die Zeit der juristischen Gleichstellung und Gleichbehandlung der Juden, die Epoche der Assimilation, die in Arnsberg, Neheim, Hüsten und Umgebung offensichtlich ziemlich reibungslos verlief, während an anderen Orten und in anderen deutschen Regionen der Prozeß der Emanzipation überschattet und bedroht wurde von einem teils offenen, teils versteckten Antisemitismus. Natürlich wäre es wirklichkeitsfremd anzunehmen, daß es im Sauerland nach jahrhundertelanger Ablehnung antijüdische Voreingenommenheiten nicht mehr gegeben hätte, zumal hier die Kirche, zu deren Selbstverständnis seit jeher die Gegnerschaft zum Judentum gehörte, noch sehr viel Einfluß hatte. Doch findet man für antijüdische Agitationen oder Übergriffe kaum Belege. Was jedoch die kirchlichen Amtsträger und die Bevölkerung insgeheim über Juden gedacht und geredet, welche antijüdischen Witze an Stammtischen die Runde gemacht haben, darüber schweigen die Akten. Wir wissen nur, daß entschiedene Gegner der Emanzipation der Juden der westfälische Klerus, insbesondere die Geistlichkeit in Paderborn, war. Im Gegensatz zum rheinischen Klerus, dessen Vertreter zumeist aus dem Bürgertum stammten und der Emanzipation der Juden wohlwollend gegenüberstanden, kamen die Geistlichen Westfalens zum größten Teil aus der kleinbäuerlichen Schicht, in der eine Abneigung gegen die handeltreibenden Juden offenkundig vorhanden war. So spielt in den Publikationen, die katholische Geistliche in Westfalen zur Judenfrage verfaßt haben, der Judenhaß aus ökonomischen Gründen eine wichtige Rolle. Bischof Richard Dammers aus Paderborn schickte 1844 an sämtliche Landdechanten der Regierungsbezirke Minden und Arnsberg ein "Circular", mit der Aufforderung, Maßnahmen gegen die judenfeindliche Stimmung zu treffen. Er sieht als Quelle für den Judenhaß vor allem "den verwerflichen Eigennutz einzelner jüdischer Gewerbe- und Handeltreibender." Die Ursache für den Antijudaismus im Christentum zu suchen, lag dem hohen geistlichen Würdenträger offensichtlich fern.

Doch so viel steht fest, zu öffentlichen antijüdischen Exzessen wie 1848/49 etwa in Beckum, Sendenhorst, Borck, Körbecke bei Soest, Lichtenau, Büren, Steinheim, Peckelsheim, Scherfede, in denen sich vor allem allgemeines Unbehagen am sozialen Aufstieg einer bis dahin diskriminierten Minderheit ausdrückte, kam es weder in Arnsberg, in Neheim und der unmittelbaren Umgebung.

Ursula Homann

Quellen:


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