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Das Verhältnis der Arnsberger Bevölkerung zu den jüdischen Bürgern

Offensichtlich lebte die Arnsberger Bevölkerung mit den in ihrer Stadt ansässigen Juden in einem spannungsfreien Verhältnis. Die jüdische Minderheit wurde anscheinend nicht diskriminiert. Davon, daß sich wie an anderen Orten, christliche Kaufleute aus Furcht vor Einbußen durch die neue unliebsame Konkurrenz,zu antijüdischen Äußerungen oder Handlungen haben hinreißen lassen, ist in Arnsberg nichts bekannt. Mehr noch, es gab sogar Fälle, in denen sich Arnsberger Bürger um verarmte Juden kümmerten, wie etwa um den früh verwitweten und zu allem Unglück auch noch verarmten Nathan Schiff, der nicht wußte, wie er das Schulgeld für seine vier minderjährigen Söhne aufbringen sollte. "Sein Schicksal", schreibt der Arnsberger Stadtarchivar Michael Gosmann, "hat nicht nur die jüdische Gemeinde, sondern in ganz Arnsberg Mitleid erregt. 1833 kümmerte sich Bürgermeister Freiherr von Devivere (1798-1878) persönlich um diesen Fall und die offensichtlich begabten Kinder." Umgekehrt haben auch wohlhabende jüdische Familien, so Levi Funke und seine Frau Hanna, arme, hilfsbedürftige Arnsberger tatkräftig unterstützt.

Ein weiterer wichtiger Indikator für ein freundschaftliches Miteinander ist die verhältnismäßig frühe Aufnahme von Juden in die Arnsberger Schützengesellschaft. Dazu muß man wissen, daß die nach dem Heiligen Fabian und dem Heiligen Sebastian benannte Bruderschaft der Arnsberger Schützen eine religiöse Gemeinschaft war, in der von ihrem Selbstverständnis her lange Zeit die Aufnahme von Juden nicht möglich war. Zugleich muß man sich in diesem Zusammenhang auch vor Augen halten, daß in dem christlich-katholisch geprägten Arnsberg noch zweihundert Jahre vorher, nämlich bis 1608, ein Nichtkatholik nicht Bürger von Arnsberg werden konnte.

Als 1820 die Schützenbruderschaft wieder begründet worden war, wurde sie gleichzeitig in eine Schützengesellschaft umgewandelt. Damit hatte man allen Bürgern das Tor zur Mitgliederschaft ohne religiöse Einschränkung geöffnet. Aber natürlich lebte der "alte Schützengeist" auch in der neuen Gesellschaft fort. Nach wie vor war es selbstverständlich, daß Schützenbruder nur werden konnte, wer im Ort ansässig war, einen "anständigen"Beruf ausübte, einen guten Leumund hatte, hilfsbereit war und es an der nötigen Liebe zum Vaterland nicht fehlen ließ. Jeder Bürger betrachtete es daher als große Ehre, Mitglied der Arnsberger Bürgerschützengesellschaft zu werden. Trotz all dieser Einschränkungen verzeichnete die Arnsberger Schützengesellschaft bereits seit 1825 zwei jüdische Mitglieder.

An anderen Orten Westfalens wurden dagegen im 19.Jahrhundert oft erbitterte und lang andauernde Auseinandersetzungen um die Frage geführt, ob und unter welchen Bedingungen jüdischen Ortsbewohnern der Zugang zu Schützenvereinen und zum Schützenfest zu gestatten sei. Als in Werl, der dort ansässige wohlhabende jüdische Geldhändler Levi Lazarus Hellwitz im Sommer 1825 den Antrag auf Mitgliedschaft in der St.Sebastianus-Bruderschaft und Teilnahme am Schützenfest stellte, kam es deswegen zu lang andauernden scharfen Exzessen, so daß sich Hellwitz 1827 gezwungen sah, nach Soest überzusiedeln.

Auch andere Zeugnisse bestätigen für Arnsberg und seine Nachbarorte einen freundschaftlichen Umgang jüdischer und christlicher Familien miteinander. Das zeigte sich auch bei der herzlichen Verabschiedung von Dr.Alexander Friedländer bei seiner Ausreise nach Amerika.


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