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Dichter der Biedermeierzeit

Als Epochenbegriff und Schlagwort für die philiströs-unpolitische Zeit von 1815 bis 1848 wird das Biedermeier auch für eine bestimmte Richtung der Dichtkunst beansprucht, nämlich für eine bürgerliche, unpolitisch-private, stark landschaftsgebundene, oftmals heiter-melancholisch bis resignativ-pessimistische Dichtung zwischen Romantik und Realismus, die in betonter Hinwendung zu Natur, Geschichte und Alltagswelt zugleich einer Ethik des Maßes und der Selbstbescheidung huldigte und zum Rückzug aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit neigte. Nach landläufiger Meinung fand diese Literatur ihren dichterisch bedeutsamsten Ausdruck in der Lyrik von Eduard Mörike (1804-1875) und Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) sowie in den Werken von Adalbert Stifter(1805-1868) und Franz Grillparzer(1791-1872). Heute fragt man sich indessen, ob diese Dichter dem jahrzehntelang gepflegten Klischee wirklich entsprochen haben? Immerhin wuchsen gerade die bedeutendsten Repräsentanten des Biedermeier durch ihr Schaffen über latente spießbürgerliche Anschauungen weit hinaus.

Die Münsteranerin Annette von Droste-Hülshoff konnte sich im Schatten ihrer Herkunft aus dem konservativ-katholischem Landadel zwar weder künstlerisch noch privat voll entfalten, sondern führte eine Nischenexistenz, ein eingepupptes Leben, am Rande der bürgerlich-patriarchalischen Gesellschaft. Aber dichtend gelang es ihr immer wieder, sich zu einem anderen, höheren Dasein aufzuschwingen. Zu Unrecht gilt sie oft heute noch als eine Art Heimatschriftstellerin, als eine Dichterin des Biedermeier. Dabei war die sprachmächtigste deutsche Autorin alles andere als eine gemütvolle Heimatdichterin. Ihre "Judenbuche" beispielsweise zeugt von einer merkwürdigen Affinität zum Grausigen und Unterweltlichen, ebenso die Schauerballade "Die Vergeltung". Viele ihrer Werke sind beredte Symbole für eigene innere Gefährdungen. Da die westfälische Dichterin die bedrohlichen Regungen, die ausschweifenden Wünsche, ihren Drang zur Grenzüberschreitung sich selber nicht ungeschminkt einzugestehen wagte, litt sie unter Angstanfällen und verstrickte sich häufig in psychosomatische Krisen. Gerade ihre frommen Verse protokollieren Zustände von Verlassenheit und Gottferne. Andererseits schätzte sie die Familie, die sie einengte, auch als Hort in einer feindseligen Welt, während die Katholische Kirche, deren Ohnmacht sie erkannte, bis zuletzt ihre Zuflucht blieb. Selbst die verkrustete Gesellschaft, deren Schwachstellen sie klarsichtig beschrieb, hielt sie für sakrosankt. Haus, Heimat, Kirche waren für sie durchaus noch Grundwerte, die sie durch demokratische Bewegungen gefährdet glaubte. Aber unverkennbar sind die Ungereimtheiten, die Risse im Leben und Werk der Droste, die uns einen aktuellen Zugang zur ihr ermöglichen. In ihrer Verzweiflung an den unbeweglichen Zeitverhältnissen schwingt unsere Ratlosigkeit schon mit. Vieles, was sie erlebt und erlitten hat, sind für uns vertraute Erfahrungen: ihre seelischen Nachtseiten, ihre existentiellen Grenzerfahrungen, ihre Glaubenszweifel, ihre Endzeitvisionen, ihre Elegien an die unerlöste, vom Menschen gemordete Natur, das Gefühl der Bedrohung in einer Zeit des Wertezerfalls. Der Zyklus "Geistliches Jahr", begonnen als fromme Gelegenheitsdichtung, führte sie in eine radikale Selbstbefragung und offenbart ein einsames Ich, dem metaphysische Gewißheiten verwehrt sind. So ist es gewiß nicht weiter verwunderlich, dass zeitgenössische Schriftstellerinnen wie Sarah Kirsch und Karin Struck in ihr eine Gefährtin aus gleichem musischen Geist entdeckt haben.

Nicht wenige Dichter und Künstler, die in der Biedermeierzeit gelebt haben, wurden lange verkannt oder in ihrer Bedeutung falsch eingeschätzt, weil man glaubte, wenn man ihnen das Etikett Biedermeier anheftet, sei schon alles gesagt. Das gilt auch für Eduard Mörike, Dichter und Pfarrer zugleich, obwohl die psychologische Durchdringung und artistische Gestaltung seines nicht gerade heiteren Romans "Maler Nolten" so ganz und gar nicht in das Schema gängiger Biedermeier-Vorstellungen passen. Auch Grillparzer hat in seinen Dramen die Grenzen der menschlichen Existenz gestreift und das fragwürdige Sein der menschlichen Kreatur beklagt. Auch er war eine widersprüchliche, zerrissene Natur, unfähig, an einen persönlichen Gott zu glauben. Wie viele Dichter seiner Zeit fürchtete er einen Nihilismus, an dessen Heraufkunft er nicht völlig unbeteiligt war. Modern und zeitlos mutet ebenfalls die Krankengeschichte dieses zutiefst österreichischen Dichters, Misanthropen und Selbsthassers an. "In der genialen Quengeligkeit und Monomanie kam ihm in unseren Tagen allein Thomas Bernhard nahe", schrieb vor einigen Jahren Ulrich Weinzierl und fügte hinzu, dass in dem habsburgtreuen Erzpatrioten ein verschämter Aufrührer gesteckt habe. Josef Roth, sein Verwandter im Geiste, habe ihn deshalb postum als einen reaktionären Individualanarchisten und konservativen Revolutionär gefeiert.

Jean Paul(1763-1825) hatte geraume Zeit den Ruf eines Idyllenmalers und Humoristen. Der heiter klingende Titel seines Romans "Leben des vergnügten Schulmeisterleins Maria Wurz in Auenthal" hat seine Leser nicht selten über die eigentliche Schwermut seines Verfassers hinweg getäuscht. Jean Pauls poetische Auseinandersetzung mit dem Atheismus und dem Skeptizismus des 18.und 19.Jahrhunderts in seiner Traumvision "Rede des todten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei" hat Interpreten mitunter in arge Verlegenheit gebracht. Heute freilich weiß man um Jean Pauls philosophische und aphoristische Begabung und seine Vorgriffe auf die Philosophie und auf Theorien unseres Jahrhunderts, bis hin zu Wittgenstein und Freud. Zeitgenössische Literaturwissenschaftler sehen in ihm sogar einen Vorläufer von Arno Schmidt.

Der Schweizer Pfarrer und Dichter Albert Bitzius, bekannt unter dem Namen Jeremias Gotthelf(1797-1854) war gleichfalls nur scheinbar ein Biedermann. Entwarf er doch in seinen Büchern eine Welt der Bosheiten und Laster, die er als Geistlicher, Lehrer und Armenkommissar aus eigener Erfahrung nur allzu gut kannte. Obgleich er den Prediger und Erzieher in sich nie geleugnet hat-sein gesamtes Schaffen stand im Dienste kirchlicher Verkündigung-, so hatte er doch als vehementer Kritiker eines philiströsen Christentums, einer verlogenen Religiosität sowie des Kapitalismus und der Machtgier der Reichen zahlreiche Berührungspunkte mit Kierkegaard und Marx, ohne freilich deren Radikalität zu teilen. Er schrieb zudem den ersten europäischen Bauernroman und wurde so unverdient und ungewollt zum Begründer der späteren

Bei den Büchern von Adalbert Stifter wiederum fühlten sich bisher viele Leser an Bilder des Malers Spitzweg erinnert, obwohl beide mit diesem Begriff nicht zu erfassen sind. Denn Stifter war keineswegs der Käfermaler, Idylliker und Optimist,als den man ihn seit Hebbel missverstanden hat. Unter der Oberfläche waren die dunklen Wirklichkeiten des Lebens bei ihm immer präsent. Sein "Nachsommer" zählte übrigens zu Nietzsches und zu Kafkas Lieblingslektüre.

Ludwig Börne dagegen(geboren wurde er 1786 als Löb Baruch, gestorben ist er 1837) gelang es auch äußerlich aus einer doppelten Enge auszubrechen, aus dem Frankfurter Ghetto und den rückständigen deutschen Verhältnissen. Der"ungeheure Judenschmerz" und "das Leiden an Deutschland" machten ihn zum radikalsten Publizisten seiner Epoche. Das gleiche kann man von seinem Antipoden Heinrich Heine (1797-1856) behaupten. Heine war ein streitbarer Rationalist. Mit seinen Schriften hat er die Gitter, mit denen Bürokraten und Zensoren, Polizisten und Demagogenriechern die Deutschen vom Gang der Welt und Weltgeschichte absperrten, geistig überwunden. Als Anhänger des revolutionären Flügels der Aufklärung träumte er von der Befreiung aller Menschen aus Unterdrückung und sozialer Verelendung und war zugleich, wie einer seiner Biographen zutreffend bemerkt, Deutschlands letzter Romantiker und der erste Poet der Moderne.

Viele Dichter und Künstler, die in der Biedermeierzeit gelebt haben, hatten ein tragisches Ende. Peter Härtling hat eine Reihe von ihnen in seinen Büchern über Schumann, Waiblinger, Hölderlin, Lenau anschaulich und einfühlsam porträtiert. Sie alle waren Grenzgänger ihrer Epoche und als Spiegelbilder der Moderne ihrer Zeit weit voraus. Nicht wenige von ihnen starben nach langer geistiger Umnachtung. Schumann und Lenau litten an der Syphilis, der Aids-Krankheit des vorigen Jahrhunderts.


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