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Alles ist erlaubt, nur jüdisch darf man nicht sein Jochen Klepper - ein christlicher Schriftsteller verstrickt ins jüdische Schicksal

Klepper wurde schon früh mit dem Judentum konfrontiert

Mit dem Judentum war Klepper schon während seiner Schul- und Studienzeit in Glogau und in Breslau konfrontiert worden.

In der kleinen Garnisonsstadt Glogau, in der Klepper zwischen Oktober 1917 und März 1922 das Gymnasium besuchte und die damals 25 bis 30.000 Einwohner zählte, begegnete ihm zum ersten Mal das sein späteres Schicksal bestimmende, in den Augen nichtjüdischer Deutscher so schwerwiegende "Judenproblem". Denn während bei den 3500 Bürgern und Bauern in Kleppers Geburtsstadt Beuthen den zwei oder drei jüdischen Händlerfamilien mehr Verachtung als Achtung zuteil wurde, stand in Glogau die seit dem Mittelalter bestehende jüdische Gemeinde mit ihren 600 meist wohlhabenden Mitgliedern im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Die rechtsstehenden Kreise der Stadt, denen auch Oberlehrer Erich Fromm angehörte, waren leidenschaftliche Antisemiten, deren Hass gegen "die Republik der Roten und der Juden" während des Kapp-Putsches 1920 hemmungslos zum Ausbruch kam. Eine Beschwerde jüdischer Schüler gegen Fromm, der ihnen als Schularbeit eine Würdigung der Militärdiktatur aufgegeben hatte, führte zu einer Ermittlung, die 1921 mit einer Strafversetzung des Lehrers endete. Welche Haltung der junge Gymnasiast Klepper in dieser Angelegenheit eingenommen hat, ist nicht bekannt. Engere Beziehungen zu jüdischen Kreisen entwickelte Klepper erst später in Breslau, wo er ab Mai 1923 sechs Semester lang Theologie studierte. In Breslau hat Klepper häufig seinen Lehrer, den Neutestamentler Ernst Lohmeyer, zu Vorträgen des Arztes und Philosophen Richard Hönigswald begleitet, durch die er die Welt des fortschrittlich gebildeten Judentums kennen lernte. Zudem war die Universitätsstadt Breslau geprägt durch das im Jahr 1854 gegründete Jüdisch-Theologische Seminar Fraenckelscher Stiftung, der ältesten Ausbildungsstätte für Rabbiner und Lehrer in Mitteleuropa.

Klepper macht früh Erfahrungen mit dem Antisemitismus

Klepper schriftstellerische Laufbahn hatte nicht sehr hoffnungsvoll begonnen. Denn sein erster Roman "Die große Directrice" war vom Knaur-Verlag abgelehnt worden, da man das in diesem Roman "reichlich enthaltene jüdische Element für eine Abdruckmöglichkeit nicht sehr günstig" fand. Tatsächlich hatte in diesem Roman, wie Klepper am 31.März 1931 an Professor Hermann schrieb "...die Auseinandersetzung mit dem Judentum als einem religiösen Problem" eine "zentrale Stellung" eingenommen.

In seiner 1938 erschienenen Gedichtsammlung "Kyrie" haben die Nazis ebenfalls "jüdische Elemente entdeckt. Das hierin enthaltene Neujahrslied "Der du die Zeit in Händen hälst", galt den Zensoren als Ausweis "absolut jüdischer Gesinnung; von einem Dichter des heutigen Deutschland' müsse erwartet werden, dass er nicht "auf die knechtische Einstellung der Psalmen" zurückgreift.

"Der du allein der Ewige heißt

und Anfang, Ziel und Mitte weißt

im Fluge unserer Zeiten:

lass - sind die Tage auch verkürzt,

wie wenn ein Stein in Tiefen stürzt-

uns dir nur nicht entgleiten!"

Dies war die ursprüngliche Fassung, Klepper musste sie umdichten in: "lass - sind die Tage auch verkürzt,

wie wenn ein Stein in Tiefen stürzt -

uns dir nur nicht entgleiten."

Wichtig und aufschlussreich für unser Thema "Jochen Klepper verstrickt ins jüdische Schicksal" ist sein Tagebuch "Unter dem Schatten deiner Flügel", das er von 1932 bis einen Tag vor seinem Tod 1942 geführt hat und das 1956 erstmals herausgegeben wurde. Das Tagebuch ist ein herausragendes Stück Bekenntnis- und Widerstandsliteratur aus christlich-protestantischem Ethos. In ihm findet man eine Fülle von Notizen über das Schicksal der Juden und judenfeindliche Maßnahmen, von Schikanen bis hin zu Verfolgungen. Es ist das Dokument eines Lebens "aus Glauben" und gehört zu den erschütterndsten autobiografischen Zeugnissen aus der Zeit des Dritten Reiches, neben den Büchern von Sebastian Haffner und Victor Klemperer sowie Gertrud Kolmars Briefen. Aus ihm erfährt man sozusagen aus erster Hand sehr viel Authentisches über den Alltag im Nazi-Reich, über das Verhalten nichtjüdischer Deutschen gegenüber Juden - "Die menschliche Härte feiert heute Orgien. Denn keiner der über die Regierungsmaßnahmen empörten, den Juden gegenüber mitleidigen arischen Deutschen bietet Hilfe an" (T.407) - und über das Anbiedern der offiziellen Kirche an die braunen Machthaber, aber auch von dem mehr oder weniger versteckten Widerstand und Aufbegehren einzelner Menschen. Man erlebt mit, wie jüdische Menschen nach und nach ausgegrenzt und in ihrem Menschsein entwertet werden. Ab 1933 ist immer wieder von Pogromen die Rede, von zunehmendem Judenhass und täglich neuen antisemitischen Verfügungen.

Bereits am 8.März 1933 hatte Klepper festgestellt: "Was uns schon jetzt an Antisemitismus zugemutet wird, ist furchtbar", und am 27.März 1933: "Das stille Pogrom hat heut in der Legalisierung des Boykotts gegen jüdische Geschäfte, Richter, Anwälte, Ärzte, Künstler einen Höhepunkt erreicht. Was damit in jungen Juden an Hass gesät wird, muss furchtbar werden. Aufbruch einer neuen Zeit?"

Die Nazis hatten schon im Mai 1933, wie Klepper schreibt, "alle Macht in Händen: über die Parteien, Gewerkschaften, Zeitungen, Sender, Theater, Heer, Polizei, Justiz, Verwaltung, Universität, Schule. ..Es ist beängstigend." (T.52)

Am 5.Juni 1933 (Pfingstmontag) notiert Klepper: "Schicksal als Jude, Schicksal als Geist, Schicksal als Künstler(Schicksal in der Familie)- Demütigungen, Demütigungen. Gegen meine Liebe, meinen Ehrgeiz wird wilder Sturm gelaufen, und das in einer Zeit, in der ich bis an die Ohren in Kunst stecke. Einfälle, Erfahrungen, Formen und Konstruktionsvermögen zur Verfügung habe. Deutlicher als durch meine unentwegte anonyme Beschäftigung kann mir gar nicht gezeigt werden, wie stark an sich jetzt Aufnahmefähigkeit für meine Arbeit da ist. Und nun so im Schatten zu stehen, abgearbeitet, freudlos. Das alles muss ich klar sehen, denn ich hasse religiöse Schwärmerei."(T.56/57)

Klepper, der sich standhaft weigerte, sich scheiden zu lassen, wurde von der Rundfunkleitung wegen seiner "jüdischen Familie" und als früherer Mitarbeiter beim "Vorwärts" am 7.Juni 1933 entlassen. Eine Zeitlang wurde er noch anonym beschäftigt. Fünf Wochen später, am 27.Juli 1933, fand Klepper eine Anstellung im Ullstein-Haus bei der Funkzeitung "Sieben Tage". Aber auch diese dauerte nur zwei Jahre - bis September 1935.

Die Ehe mit Hanni band Klepper hinein in das Geschick der verfolgten Juden im Dritten Reich. Schon am 13.5.1933 war er sich offensichtlich über die Folgen ihm klaren gewesen: "Nun bin ich in die Situation des Judentums sehr verstrickt. So wie die Dinge liegen, müsste meine Ehe mich meinen Posten verlieren lassen", was, wie oben erwähnt, auch prompt geschah. "Ich erlebe kein individuelles Schicksal", vermerkt Klepper am 7.Dezember 1933 und meinte schon am 19.6.1933, "mein jüdisches Schicksal lässt sich in keiner Weise verbrämen und verklären; es spielt zwischen Gott und mir; aber aller übersteigerte Individualismus beängstigt mich; dass Gott in Geschichte, nicht in Verzückung meinerseits mit mir redet, in der Bibel, die zu allen mit einer Sprache spricht, in der 'Gemeinde der Heiligen',- das alles macht es mir nur erträglich, wenn dieser Gedanke sich in mir fester und fester bohren will."

Am 27.Juni 1933 notiert der Schriftsteller in sein Tagebuch: "Und daneben das stille Pogrom, das alle Juden und wer sich mit ihnen verband, trifft. Viele gehen mit dem kleinen Betrag, den man über die Grenze mitnehmen darf, ins Ausland. Mein Beruf bietet uns im Ausland keine Lebensmöglichkeit."

Ehe mit Hanni bewusste Entscheidung auf religiöse Grund

Die Ehe mit Hanni war für Jochen Klepper eine bewusste Entscheidung auf religiösem Grunde gewesen. Er sah in seiner Frau die Angehörige des erwählten Volkes, das auch im Abfall noch 'in die Hände seines Gottes zurückfiel'. Die Verbindung mit Hanni Stein band ihn von Stund an selber an das Schicksal - Erhöhung und Leiden - dieses Volkes. (M.14)

Am 23.August 1933 erließen die braunen Machthaber die offizielle durch Hybris und Selbstüberschätzung gekennzeichnete Erklärung: "Mischehen mit Fremdrassigen müssen als das gekennzeichnet werden, was sie sind, nämlich der Grund für geistige und seelische Entartung wie für die Entfremdung dem eigenen Volke gegenüber." Daraufhin wollte sich Kleppers Frau Hanni durchaus scheiden lassen, um ihren Mann für seine 'Karriere' freizubekommen. Aber Klepper wehrte ab. In sein Tagebuch schreibt er darüber, dass seine Frau gemeint habe: "Ich tue an ihr ein Unrecht, dass ich nicht einwillige und dadurch besser für unsere Existenz sorge. Aber es ist keine falsche Moral, die mich hält. Ich kann diesen Entschluss nicht fassen. In diesem 'jüdischen Schicksal', in das Gott einen einbezieht, ist etwas, wogegen ich nicht ankann." (T.88)

Und im Tagebuch heißt es unter dem 25.5.1933: "Was ich bis jetzt gelebt habe, war "mein" Leben in Gott. Und wenn ich nun den Teil eines jüdischen Schicksals erlebe, so ist es "mein" Leben. Ich glaube an alle Leiden von Gott her. Aber ich glaube auch an ein "seliges Schauen", verzeichnete Klepper am 7.9.1933 in sein Tagebuch. "Gott ist es", merkt Heinz Grosch in seinen Schriften über Klepper an, "der ihn dabei führt - kein moralischer Entschluss."

Zugleich erkannte Klepper: "Wenn Menschen das Leben einer deutschen Familie führen, dann sind wir es. Wenn Menschen ohne Heimat und ohne Klarheit und Würde ihrer Umwelt kaum auskommen können, sind wir es. Und diese Mischehe soll nun Volksverrat, Entartung, Zersetzung sein? Beziehung zu Juden und Jüdinnen sollen in Zukunft sogar mit Konzentrationslager bestraft werden. - Noch sind die Kinder völlig unbefangen und haben in der Schule nicht zu leiden. Das Schwerste für Juden dieser Bildungsschicht ist, dass sie derart in Deutschland aufgegangen sind - nur deutsche Landschaft, Sprache, Musik, Literatur, nur deutsche Feste lieben und in der eigenen Herkunft nicht den mindesten Rückhalt und Ersatz haben... Wann wird diese Verängstigung und Entwürdigung ein Ende haben?" (T.95) Er fragt er sich weiter: "Was wird aus jüdischen Dichtern in Deutschland? Wenn einer so Preuße ist wie Hanni? Werde ich nun den Juden gleichgesetzt werden?"

"Die politischen Ereignisse hatten mich völlig verstört", bekennt er am 14./15.10.1933.

Von amtlicher Seite schlägt man Klepper ebenfalls die Scheidung vor. Im November 1938 taucht in den Gesprächen immer mehr die Idee der Zwangsscheidung auf. "Furchtbar schwer ist bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge die Lage der arischen Frauen mit jüdischen Männern" schreibt Klepper und berichtet im November 1939 davon, dass man dem arischen Partner einer Mischehe noch eine 'Anfechtungsfrist' für ein Jahr geben will, "damit er seine Ehe scheiden lassen kann und die 'endgültige Bereinigung des jüdischen Problems möglich wird.'"(T.478) Zwei Jahre später gehen die Nazis noch rigoroser vor.

"Nun werden auch die Juden deportiert", notiert Klepper am 20.12.1941, "die als Partner einer Mischehe mit Rücksicht auf diese - arische Ehegatten wie Mischlingskinder - getrennt von ihrer Familie gewohnt haben...."

Wie Jochen und Hanni Klepper lebten auch einige ihrer Freunde und Bekannte in einer Mischehe, von deren Schwierigkeiten Klepper in seinen Tagebuchnotizen hin und wieder erzählt.

Maßnahmen der Nazis anhand von Kleppers Tagebuch

Aber gehen wir noch einmal einige Jahre zurück und verfolgen die Maßnahmen der Nazis gegenüber Juden im einzelnen.

Häufig klagt Klepper, so auch am 6.Oktober 1933, über "die täglichen neuen antisemitischen Verfügungen".

Ab Februar 1935 nehmen die Brüskierungen dann auch bei Ullstein zu. Die Übermacht der politischen, antijüdischen Agitationen wird von Tag zu Tag deutlicher. Klepper erfährt dort die antijüdischen Maßnahmen bis zu seiner Entlassung im Herbst jetzt tagtäglich. Am 30.August wurden die meisten jüdischen Angestellten, sogar die auf den kleinsten Posten entlassen. Die letzte jüdische Sekretärin erhält ihre Kündigung zum 1.10. "Dr. Zoff, 'Halbjude', den man zurückgeholt hat, wurde die Arbeitserlaubnis verweigert. Alles ist erlaubt, nur jüdisch darf man nicht sein", schreibt Klepper in sein Diarium.

Schon im Vorfrühling 1935 waren aus dem Reichsverband deutscher Schriftsteller erneut 200 jüdische Mitglieder ausgeschlossen worden. Wer aber ausgeschlossen war, durfte in Deutschland nicht mehr publizieren und stand somit praktisch unter Berufsverbot.

Ab 1935 erscheinen immer mehr Schilder mit der Aufschrift "Juden werden nicht bedient". Der Zutritt zu Stätten deutscher Geschichte wird Juden ebenfalls verwehrt.

Auch Kleppers Töchter können mit ihren Freundinnen nicht mehr Geburtstag feiern, nachdem letztere von ihren Jungvolk- oder sonstigen Führerinnen die Anweisung erhalten haben, "auch mit befreundeten Jüdinnen nicht mehr zu verkehren."

Am 4./5.März 1935 verzeichnet Klepper bekümmert: "Selbst ein so geselliges Kind wie Reni hat nicht eine Freundin, die sie zur Feier einladen könnte."

Als Klepper in diesen Tagen, wie gewohnt, schwimmen gehen will, findet er am Südender Schwimmbad ein Schild mit der Aufschrift "Nicht-Arier nicht erwünscht" vor. Neben bemerkt: das Schild verschwand während der Olympiade 1936 "wegen der nichtarischen Trainer, die aus anderen Ländern hier eintreffen." (M.59)

In Kleppers Tagebuch heißt es unter dem 21.7.1935: " Hans Nowak hat die antisemitischen Exzesse am Kurfürstendamm miterlebt. Sie haben Jüdinnen ins Gesicht geschlagen; die jüdischen Männer haben sich sehr tapfer gewehrt; zu Hilfe kam ihnen niemand, weil jeder die Verhaftung fürchtet."

Und unter dem 23.7.1935: "Rücktritte und Ernennungen in Regierung und Partei, Verbote an die Presse, über verschiedene Ereignisse zu berichten, die gleichzeitig einsetzende drohende Abwehrpropaganda gegen die alten nationalen Frontkämpferverbände, die Kirche, das Judentum."

Am 11.September 1935 kommt ein Erlass heraus, der besagt, dass von nun an jüdische Kinder nur noch in jüdische Schulen gehen dürfen. Sieben Tage später werden die "Nürnberger Gesetze" verabschiedet. Klepper geht auf dieses Ereignis mit nur wenigen Sätzen ein. "Über die Ereignisse dieses Tages - die Rassenschutz-Gesetzgebung auf dem besonderen Reichstag des Parteitags in Nürnberg und die Leiden des Kaisers in Abessinien, dessen Land so wehrlos kaputt gemacht werden soll, ohne dass man ihm hilft (wie den Juden in Deutschland, so anders die Umstände sind) - haben wir Zeitungsbelege aufgehoben; wir hatten einige Tage nur Überschriften gelesen; nun kam es nach." (T.190/191)

Am 22.9.1935 schreibt Klepper an die Familie Meschke: "Was in diesen Wochen angegeben ist, muss einen doch sehr bewegen - all die Worte von den Juden, die aus dem Land müssen,- noch mehr Worte für die, die im Lande bleiben müssen unter dem Feind." (M.45)

1937 wird Klepper von der Reichsschrifttumskammer, in die er noch 1934 aufgenommen worden war, ausgeschlossen. Journalistisches Publizieren schien nun nicht mehr möglich sein. Aber mit einem Bescheid im Monat Juni 1937 wird ihm

mitgeteilt, dass die Ausschlussverfügung einstweilig ausgesetzt sei und er bis zur endgültigen Entscheidung durch den Herrn Präsidenten der Reichskulturkammer in der Ausübung der kammerpflichtigen Tätigkeit nicht behindert sei. Denn "in dem fatalen Institut", schreibt Kurt Ihlenfeld, gab es mindestens einen Beamten (mit Namen Dr.Koch), "der den 'Fall Klepper' mit ebensoviel Noblesse wie Kühnheit behandelte und dem armen gejagten Autor jahrelang.. zur Seite stand" bis am 18.2.1942 an seine Stelle ein SS-Mann kam, der mit dem 'milden Geiste' in Kochs Ressort aufräumen sollte.

So erhielt Klepper Anfang September 1937 eine "jederzeit widerrufliche Sondergenehmigung", die es ihm vorschrieb, seine für die Publikation vorgesehenen Manuskripte "vor der Veröffentlichung der Reichsschrifttumskammer zur Prüfung.. vorzulegen."

Am 4.Juni 1937 erwähnt Klepper eine Notiz im "Buchhändler im Dritten Reich" vom Mai 1937 mit ablehnender Wertung seines Buches "Der Vater". Diese Notiz klärt die Buchhändler über die privaten Verhältnisse des "ausgeschlossenen Schriftstellers Jochen Klepper" auf, "der unmittelbar vor dem Umbruch eine Jüdin mit gleich dreiköpfigem volljüdischem Anhang heiratete und die Unverfrorenheit besaß, unter diesem jüdischen Schutz einen Roman über den Vater Friedrichs des Großen zu schreiben."

Ab 1.1.1938 müssen alle Juden, ob getauft oder nicht, als zweiten Vornamen den Namen Israel, alle Jüdinnen den zweiten Namen Sara führen. "Die Liste der Vornamen, die für neugeborene Judenkinder festgesetzt ist, bedeutet zu achtzig Prozent eine sadistische Verhöhnung. Die biblischen, berühmten Namen sind für die Juden gesperrt."

Im Februar 1938 verlassen die beiden Stieftöchter Jochen Kleppers die Schule. Wozu sollen sie ein Abitur ablegen? Als Jüdinnen können sie in Deutschland ohnehin damit nichts mehr anfangen. Erfolglos bemüht sich Hanni, eine Lehrstelle für Renate bei einer jüdischen Schneiderin zu finden.

Mittlerweile sind die Juden fast gänzlich aus dem Bankwesen und der Modebranche ausgeschaltet worden. Wer emigriert, darf nicht zurückkehren. Wer im Lande bleibt, bekommt keinen Pass. Unter dem 29.April 1938 vermerkt der Schriftsteller: "Übrigens darf der Dr.h.c. und D.(theol.) an Arier mit jüdischen Frauen in Deutschland nicht mehr verliehen werden. - Die Pastoren werden, auch nachträglich, auf Hitler vereidigt", und unter dem 1.August 1938: "Die jüdischen Ärzte müssen ihre Praxis auflösen - mit Frist bis zum 1.10.! Nur für die Behandlung von Juden solle es noch Sondergenehmigung geben."

Am 19.August 1938 trägt Klepper in sein Diarium ein: "Und immer erschreckender taucht in den Gesprächen das jüdische Konzentrationslager in einem Steinbruch bei Weimar auf."

Kleppers Aufzeichnungen sprechen für sich

Kleppers kurze Aufzeichnungen sprechen für sich und enthüllen eindrucksvoll die Unmenschlichkeit des Nazi-Regimes. Selbst die durchweg in nüchterner Chronologie wiedergegebenen Tatsachen der steigenden Bedrängnis auch der Klepperschen Familie sind erschreckend genug.

23.August 1938: "Immer schlimmere Verschärfungen auch in Hotels für die Juden. Reisen ist nun anders als von Haus zu Haus eigentlich ausgeschlossen."

23.8.1938: "Seit die Konferenz von Evians erwiesen hat, dass das Ausland den deutschen Juden nicht hilft, ist alles noch viel tragischer." (373)

Anmerkung: Auf Anregung von Präsident Roosevelt fand in Evian am Genfer See vom 6.bis 15.7.38 eine internationale Konferenz statt, auf der Lösungen für die akuten Flüchtlingsprobleme gefunden werden sollten. Die Vertreter von 32 Nationen kamen jedoch zu keiner konstruktiven Lösung. In der deutschen Presse wurde das enttäuschende Ergebnis mit Genugtuung kommentiert. Im Tagebuch heißt es weiter am 4.Oktober 1938: "Brigitte während unserer Reise, Hanni nach unserer Rückkehr mussten alle in ihrem Besitz befindlichen Ausweise auf die Polizei bringen zwecks Eintragung eines Juden-Vermerks. ..Auch nach dem Grundbesitz wurde gefragt."

Als der Vertrag der Familie über das neue Haus in Nicolassee abgeschlossen wird, muss mit aufgenommen werden, dass ein Ehepartner Jude ist.

20.10. 1938: "Die Abdrosselung der Juden wird nach dem alten Plane durchgeführt, die seelische Zermürbungstaktik ausgebaut. ...Über die Quälerei der Juden und den Raub, der an ihrem Eigentum geschieht, wenn sie, nachdem man ihnen die Existenzmöglichkeiten nahm, Deutschland verlassen wollen, gerät man allmählich in einen Zustand, der einer Gemütskrankheit nicht mehr unähnlich ist. Die Völker haben für den Frieden gebetet; werden sie dafür zu beten beginnen, dass Frieden für die Juden wird? "(S.393)

Am 21.10.1938 schreibt Klepper an Kurt und Juliane Meschke (M.127): "Uns geht es noch unfasslich gut; aber schon nahe um uns ist es kaum mehr zu ertragen. Dieser ganze Vorgang ist eine schreckliche Prüfung, auch für die Christen, die hier lernen müssen, solchem Unglück und Unrecht in ihrer irdischen Ohnmacht allein mit dem Gebet beizukommen."

27.10.1938: "Viele Verhaftungen von jüdischen Polen in Berlin; auch Schülerinnen aus Brigittes Schule wurden aus dem Unterricht abgeholt. Römer 9-11 liest man mit bebendem Herzen." (Hier denkt Paulus über das Verhältnis Israels zur Christusbotschaft im Zusammenhang mit dem Erwählungs. und Verheißungsmotiv nach.)

"Genau wie wir", vermerkt Klepper am 2.November 1938 in seinem Tagebuch, "stehen Meschkes erschreckt vor dem Faktum, mit welcher Gleichgültigkeit die Christen, auch in Deutschland!, an dem Geschick der Juden vorübergehen, geschweige denn, dass sie erkennen, wie ernst Gott hier mit den Christen redet."

Am 8.November 1938 wird der Botschaftssekretär von Rath in Paris von einem 17jährigen polnischen Juden erschossen. Als eine der ersten Repressalien auf das Attentat müssen die Juden eine Milliarde Mark als Buße zahlen. Fortan dürfen sie kulturelle Veranstaltungen nicht mehr besuchen. Goebbels hält es nämlich für "eine Entwürdigung unseres deutschen Kunstlebens, dass einem Deutschen zugemutet werden soll, in einem Theater oder Kino neben einem Juden zu sitzen.- Jede Aktion des internationalen Judentums in der Welt fügt dem Juden in Deutschland nur Schaden zu. - Die Judenfrage wird in kürzester Frist einer das deutsche Volksempfinden befriedigenden Lösung zugeführt! Das Volk will es (!!), und wir vollstrecken nur seinen Willen."

Die Eskalation der Judenfeindlichkeit um den 9./10.November 1938, die sich in Zeitungsartikeln und Goebbelsreden Ausdruck verschafft, findet in Kleppers Tagebüchern breiten Niederschlag, aber keine Kommentierung oder theologische Verarbeitung mehr. Das Ausmaß an Gehässigkeit verschließt sich ihm offensichtlich einer Sinndeutung. Und so entfährt ihm einmal auch die Klage: "Es ist leichter, ein fest umgrenztes Unglück zu ertragen, als Jahr um Jahr hinzuleben in diesem Schrecken ohne Ende." Und einige Tage später: "Ein so zukunftsloses Leben muss tief in die Eschatologie münden." (M.275)

Doch lesen wir weiter in Kleppers Tagebuch:

23.11.1938: "Der Judenhass der SS, des Ordens des Nationalsozialismus', aber steigert sich so, dass er nicht nur Ghetto und Gelben Fleck und später sogar Ausrottung des 'ins Verbrechertum absinkenden Judentums' 'mit Feuer und Schwert fordert, sondern nun bereits von der Abtreibung sagt: Jüdinnen dürfen sie nicht nur - sie sollen sie ausüben.-"

6.12.1938: "Wieder neue Judengesetze, alle gegen den Besitz gerichtet. Dass Juden Grundbesitz nicht mehr erwerben dürfen, trifft auf eine schon verjährte Situation. Ein selbständiges Disponieren über Geld und Eigentum gibt es für Juden nun überhaupt nicht mehr. Sie können zu Verkäufen gezwungen werden. Manche lassen nun schon freiwillig ihre Beamtenpension verfallen und wollen nur heraus. Wie Grundstücke dürfen Juden auch Gold und Juwelen nicht mehr erwerben.-" (409)

Nach der Reichspogromnacht 1938 ist die Gefährdung der Familie von Monat zu Monat gewachsen. In diesem Jahr (1938) hatte Klepper insgesamt durch den Verkauf seiner Bücher, durch Filmoptionen und Treatmenthonorare Einnahmen in Höhe von 17.000 Mark. Doch aufgrund der staatlichen Willkürmaßnahmen musste er eine Zwangsabgabe in Höhe von 9.600 Mark als 'Sühneleistung' für das 'Novemberverbrechen' in vier Raten aufbringen.

Die Schatten werden länger

Ab 1.Januar 1939 gibt es keine jüdischen Handwerker, Betriebsführer und Geschäfte mehr. Alle Schäden, die durch "die Empörung des Volkes" an jüdischem Besitz entstanden sind, haben die jüdischen Eigentümer unverzüglich selbst zu beseitigen und die Kosten zu tragen. Versicherungsansprüche von Juden deutscher Staatsangehörigkeit werden zugunsten des Reiches beschlagnahmt."(R.210)

16.1.1939:"..alle machen sie mit Deutschland und dem Ausland und dem Judentum die gleich bitteren Erfahrungen."(426)

8.2.1939: "Reichsleiter Rosenberg, der Kirchenbund, der 'Beauftragte für die gesamte geistige und weltanschauliche Erziehung der NSDAP', Chef des außenpolitischen Amtes der Partei, hat gestern vor der auswärtigen Diplomatie und ausländischen Presse in Berlin gesagt:'Für den Nationalsozialismus wird die Judenfrage in Deutschland erst dann gelöst sein, wenn der letzte Jude das Territorium des Deutschen Reiches verlassen hat.' Ferner, z.B.'dass Alaska mit seinem herben. nordischen Klima für die Juden zu schade wäre, liegt auf der Hand."

"Furchtbar schwer ist bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge die Lage der arischen Frauen mit jüdischen Männern."(428)

24.2.1939: "Nun können die jüdischen Auswanderer nur noch Kleidung und Möbel mitnehmen."(438)

22.3.1939: "In der Tschechoslowakei wie in Memelland das gleiche: als erstes der massenweise Versuch der Juden, zu fliehen."(440)

21.4.1939: "Brigitte hat ihren Pass; zunächst von jedem anderen nur unterschieden durch das große, rote "J" und den Namen Sara."(446)

4./5.Mai 1939: "Juden sollen nur bei Juden wohnen. Ausnahme für die jüdischen Frauen arischer Männer und die Mütter von Mischlingen. An den Schwierigkeiten einiger aus der Kammer ausgeschlossener Schriftsteller mit nichtarischen Frauen hat sich aber noch nichts geändert." (M.165)

Die Schatten werden länger. Die Bestandsaufnahme allen jüdischen Vermögens, der Ausschluss von Juden aus evangelischen Kirchen, erste Deportationen - alles, das sind Stationen eines Weges, der auch die Familie Klepper immer mehr in Bedrängnis führt. Die Eltern machen sich Sorgen um die Zukunft der Töchter. Die ältere Tochter Brigitte Stein (später Brigitte Molnar) kann noch 1939 nach England emigrieren.

Auch über Brigittes Abreise berichtet Klepper:

9.5.1939: "Viele Juden im Hamburger Zug, von vielen Juden begleitet. Aber das übrige Publikum bemerkte sie gar nicht. Es ist sehr, sehr viel leichter für meine drei, dass sie gar nicht jüdisch aussehen." (450)

Aber zu Beginn des Krieges glaubt Klepper: "Wir können nicht aus Bitterkeit gegen das Dritte Reich Deutschland den Untergang wünschen, wie viele es tun....Aufrufe an Ost- und Westarmee, Partei, Volk: in den beiden letzteren taucht nun der 'jüdische Weltfeind' wieder sofort auf.-"(468)

Die systematische Abdrosselung jüdischen Lebens geht weiter: Kleiderkarten und Genußmittel werden Juden entzogen, wichtige Lebensmittel gekürzt, besondere Einkaufszeiten eingeführt, doch ist dies alles nur der Auftakt für kommende Verschärfungen und Demütigungen, die sich um so gefährlicher und zermürbender auswirken, je weniger ein Ende abzusehen ist. Klepper versucht, so weit wie möglich nicht der allgemeinen Angstpsychose zu verfallen. (M.207)

Bei jedem neuen Vorgehen gegen die Juden wusste man, dass es sich nicht um den letzten Schlag handelte, und fragte nur angstvoll, welches der nächste sein würde. Die Enteignung auf allen Gebieten schritt fort.(M.247)

21.7.1939: "Kommt Krieg: für Hanni darf ich hoffen, dass sie arischen deutschen Frauen gleichgestellt bleibt. - Aber Renerle! Das ist der quälendste Gedanke. Renerle sagt: "Wenigstens im Kriege richtig dazugehören." In einem solchen Worte liegt die ganze Tragik."(458)

28.7.1939: "Hannis und Renerles Reisepläne haben etwas Quälendes: alles gesperrt, alles verboten an Badeorten, Schlössern etc. In Städten dem Zufall ausgeliefert, ob sie ein Hotel aufnimmt oder nicht. Und doch will Hanni Renerle das Opfer bringen, weil Renerle so gern noch etwas von Deutschland sehen möchte."(460)

1.9.1939:"..hörten wir.. die Übertragung der Reichstagssitzung mit der Führerrede. Selbst das junge Renerle erschrak: Kein Wort von Gott in dieser Stunde."(467)

3.9.1939:"Wir können nicht aus Bitterkeit gegen das Dritte Reich Deutschland den Untergang wünschen, wie viele es tun....Aufrufe an Ost- und Westarmee, Partei, Volk: in den beiden letzteren taucht nun der 'jüdische Weltfeind' wieder sofort auf.-"(468)

Am 6.12.1939 verzeichnet Klepper: "Im Rathaus hingegen bereits zwei große Plakate:'Juden erhalten keine Kleiderkarte.' Hanni und Renerle waren auf meiner Familienkartothekkarte gestrichen. Der Beamte sagte nur: 'Es muss ja später eine Regelung kommen. So geht das nicht.'"

8.12.1939: "Mit den antisemitischen Maßnahmen geht es trotz der Vernichtung des Judentums weiter: nicht nur keine Kleider, keine Wäsche, sondern auch keinerlei Nähmittel. Und keine Schuhsohlen. Und heute war, ehrlich erregt und bekümmert, Frau Dr.E.(NSV) bei mir, die neuen Lebensmittelkarten zu bringen; auch auf diesem einschneidenden Gebiet nun Sonderregelung für Hanni und Reni. Es soll sich um den Aufdruck eines roten J auf ihre Karte handeln, besondere Einkaufszeiten, Entzug der Rationen an Schokolade, Pfefferkuchen etc. Am Dienstag wird den Juden das Nähere auf der Kartenstelle bekannt gegeben.. Da die antisemitischen Maßnahmen so unpopulär geworden sind, veröffentlicht man sie nicht mehr. Es werden einem kleine rote Handzettel zugeteilt." (482)17.1.1940: "Ich werde nie darüber hinwegkommen, dass der deutsche Offizier den jüdischen Frontkämpfer des Weltkrieges preisgegeben hat. Das bewahrt mich davor, jemals noch auf Menschliches zu hoffen."(491/2)

30.1.1940: "..heute taucht zum ersten Mal in der Presse ein Hinweis auf die 'Umsiedlungspläne' für 'volksfremde Bevölkerungsteile' auf."

3.2.1940:"..Ablehnung des Gesuchs.. dass 'dem Antrag auf Genehmigung zum Besuch von deutschen Kultstätten für Ihre volljüdische Ehefrau aus grundsätzlichen Erwägungen nicht entsprochen werden kann."(494)

19.2.1940: "Hanni und Renerle bei Pastor Grüber, dem Leiter der großen Hilfsstelle für Judenchristen, der sich uns so bereitwillig angeboten hat - wenn auch ohne Hoffnung.-"(496)

14.März 1940: "Gerade heute wurde uns auch wieder bewusst, in wie unnatürlicher Angst Renerle aufwächst - dies lebensfrohe Kind. Zwei SS-Männer der Totenkopf SS (die die jüdischen Maßnahmen unter sich hat, Konzentrationslager, Deportation usw.) fragten nach Renerle. Wir waren sehr, sehr erschrocken. Denn kann es nicht jede Stunde hier wie in Wien, Stettin heißen: 'Deportation?'- Als ich nun wieder als der Arier auftreten konnte, meinten sie:' Dann ist ja hier alles gut.' hier und 'dort'? Das blonde blauäugige Renerle sahen die sehr adretten, korrekten jungen SS-Männer ganz betroffen an. Als sie dann als Ariernachweis meinen Pass zu sehen verlangten, fragte ich den einen, ob ich mir für Renerle Sorgen machen müsse.- Er sagte sehr ruhig und sicher: 'Nein, Sie haben für Ihre Stieftochter nichts zu befürchten'. Aber was mag da wieder im Gange sein?" fragt sich Klepper besorgt. "Wir denken, dass es sich zur Zeit vor allem um Wohnungen und Besitz für die ins Reich geholten Baltendeutschen handelt; in den Ostgebieten wird es so gehalten. Die Juden müssen ihnen alles übergeben."(502)

30.1.1940: "..heute taucht zum ersten Mal in der Presse ein Hinweis auf die 'Umsiedlungspläne' für 'volksfremde Bevölkerungsteile' auf."

2.Mai 1940 "Mich erreichte eine geheime Nachricht: Krüppel, Schwachsinnige, Jugendliche und Senile, die als unheilbar gelten, werden aus den Unterbringungsanstalten herausgezogen, nach unbekanntem Ort gebracht - nach einiger Zeit erhalten die Angehörigen die Urne mit der Asche; der Patient wäre gestorben und einer Infektionsgefahr wegen eingeäschert worden... Von Monat zu Monat wird das Unglück in der Welt größer, so dass man das den Juden auferlegte Leid nicht mehr isoliert sieht..."(510/511)

Im Mai 1940 werden Juden die Telefone entzogen, der Arbeitszwang wird eingeführt. Anfang September erfasst dieser auch Renate. (M.247) Klepper dichtet für seine Stieftochter sein "Trostlied".

23.Juli 1940: "Immer wieder Razzien, Kontrollen, quälende Gerüchte in den jüdischen Angelegenheiten, die Renerle sehr mitnehmen. ..."

26.Juli 1940: "Juden haben nur noch eine Stunde Einkaufszeit pro Tag, abendliches Ausgangsverbot, Arbeitspflicht (für oft sehr schwere und sehr niedere Arbeit)...und täglich zudem die Bedrohung des Judentums nach Kriegsende durch die Presse, keine Kleiderkarten, Auflagen für die Lebensmittelkarten, gesperrte Bezüge ihres eigenen Geldes, den Zwang, nach dem Kriege allen Grundbesitz zu verkaufen - alles das aber ist nicht das harte Los, das alle für die Juden in Deutschland während des Krieges erwartet haben."(522)

Nichts aber könne, meint Klepper, so schlimm sein, was ein verlorener Krieg heraufbeschworen hätte..."an dem Sieg zweifeln wir nicht." (522)

20.Oktober 1940: "Die radikale Lösung der Judenfrage, die Konfiskation der Klöster, die Abschaffung der konfessionellen Schule, die Möglichkeit zur Tötung lebensunwerten Lebens - dies alles wird nun durchgeführt, während das Heer im Felde gebunden ist...

An alle Werktätigen ist im Zusammenhang mit dem Gelben Fleck ein Flugblatt verteilt, ein grausiges, für die Behandlung der Juden. Und das angesichts dieser so ganz andersartigen Haltung der Bevölkerung."(555)

Ende 1940 wird Klepper eingezogen, doch nach einem Jahr wieder entlassen, wegen "Wehrunwürdigkeit" und wegen seiner "nichtarischen Ehe".

Obwohl sich Frau und Stieftochter hatten taufen lassen, galten sie nach den Nürnberger Gesetzen als Jüdinnen.

1941 fordert ein Artikel der Berliner Börsenzeitung Maßnahmen zur Lösung der Judenfrage "ohne jede Sentimentalität".

20.12.1941: "Wieder hören wir von Massenerschießungen von Juden im Osten.-"(577)

Die Judensternverordnung vom September 1941 traf vor allem die jüngste Tochter Renate hart. Auch davon zeugen die Tagebuchnotizen ihres Stiefvaters. So vermerkt er am 23.November 1941: "Im Hotel musste sie (Renerle) ihren Judenstern ängstlich mit einer Mappe verdecken", (571) und am 24.Dezember 1941: "Als die Glocken läuteten, saßen wir schon in der Kirche, jedoch nicht auf dem gewohnten Platz, sondern dahinter, weil Renerle mit ihrem gelben Stern hinter einer Säule verborgen sein wollte." (578)

"Renerle war nicht beim Abendmahl. Man hat noch keine Lösung für christliche Sternenträger 'überlegt'", hält Klepper einen Tag später, am 25.Dezember 1941 fest. "Welche Worte schafft diese Zeit, wie dies nun zum grausigen terminus technicus gewordene: die 'Sternträger'.-

Heute war kein Jude mit dem Stern in der Weihnachtskirche. Das schwere Weihnachten der unterworfenen Völker."

Eines Tages hatte Reni von der Jüdischen Gemeinde die Aufforderung erhalten, ihre Wintersachen, Pelz und Skier abzuliefern. Das war ein großer Verzicht für das Mädchen, das die Winterfreuden im Riesengebirge stets sehr genossen hat, wenn auch in den letzten Jahren mit gewissen Einschränkungen. Schon am 24.Juni 1938 heißt es im Tagebuch: "Renerle darf wegen der Juden-Schilder auf keine Baude, zu keinem Tanz im nahen Krummhübel. Aber Milchs, trotz aller Arbeit, gleichen aus, was sie nur können."

Zur Zeit der Reichspogrome im November 1938 leistete Renate in Wolfshau im Riesengebirge bei Professor Werner Milch und dessen Frau Toni ihr Pflichtjahr ab, zu dem auch Juden verpflichtet waren. Im Zusammenhang mit dem Pogrom wurde Werner Milch verhaftet. So erlebte Renate die ganze Schwere des Judentums sogar außerhalb des Elternhauses.

11.Januar 1942: "Ein sehr bekannter Nervenarzt sagte.. aus den Erfahrungen seiner Praxis:'Für alles, für alles gibt es einen Ausweg - Nur für Juden in Deutschland nicht.'"(588)

31.Januar 1942: "Ich las die gestrige Führer-Rede, die die alte Sprache redet von der Vernichtung der Juden in Europa. Alles gipfelt in dem Ruf: Munition und Waffen!"

4.Februar 1942: "Juden erhalten nunmehr weder Mehl noch Brötchen noch Kuchen noch Rasierseife."

Bei Todesfällen müssen Juden auf die Bestattung in Berlin eineinhalb Wochen warten: Überlastung durch die zwanzig bis dreißig täglichen jüdischen Selbstmorde, von denen durch die Isolierung der Juden das Volk nichts erfährt." (596 f.)

30.Mai 1942: "Von überall erreichte uns heute die Nachricht, dass wieder 400 Juden ins Konzentrationslager gebracht sind. 250 von ihnen sollen erschossen sein. Die Gründe sind unbekannt."(615)

18.August 1942: "Die Deportationen verdichten und beschleunigen sich wieder; ein Kollege von Renerle mit zweijährigen Zwillingen; Harald von Koenigswalds Mieter, ein zweiundachtzigjähriger Rechtsanwalt, dessen Sohn (Mischling) im Weltkrieg gefallen ist."(621)

Wie harmlos wirkt dagegen die Nachricht einige Jahre zuvor, dass Professor Dessoir Schwierigkeiten hat, eine Druckerlaubnis für seine journalistische Arbeit "Kunst der Rede" zu bekommen, "wegen eines jüdischen Großvaters". (R.193)

Immer wieder gibt es Hinweise auf ein erneutes Anwachsen der Deportationen - besonders von alten Menschen, die für den Arbeitseinsatz nicht mehr tauglich sind. Am erschreckendsten steht vor Jochen immer das Auseinandergerissenwerden der Familien. (M.311)

2.Dezember 1942: "Immer quälendere Gerüchte: der Untergang des Judentums in Deutschland ist nun wohl aber auch schon nach den Tatsachen in sein letztes Stadium getreten."

Widersprüchliches Verhalten der nichtjüdischen Bevölkerung

Wie widersprüchlich sich die nichtjüdische Bevölkerung in der Nazizeit gegenüber Juden verhalten hat, spiegelt sich deutlich in Kleppers Tagebuchnotizen.

7.Januar 1935: "Auch sehen Hanni und ich manchmal wirklich etwas fassungslos, wie einstige erbitterte Gegner des Nationalsozialismus, die ich genau kannte, ohne eine Spur fachlicher Eignung Karriere machen. Das Bedürfnis nach Isolierung muss naturgemäß noch immer weiter wachsen."

2.11.1938: "Genau wie wir stehen Meschkes erschreckt vor dem Faktum, mit welcher Gleichgültigkeit die Christen, auch in Deutschland!, an dem Geschick der Juden vorübergehen, geschweige denn, dass sie erkennen, wie ernst Gott hier mit den Christen redet.-"

25.11.1938: "Indes so viele Menschen, die man nahe glaubte, schweigen, schreiben welche, von denen man es überhaupt nicht erwartete, aufs intensivste.."

10.10.1938: "Aus den verschiedenen 'jüdischen' Gegenden der Stadt hören wir, wie ablehnend die Bevölkerung solchen organisierten Aktionen gegenübersteht. Es ist, als wäre der 1933 noch reichlich vorhandene Antisemitismus seit der Übersteigerung der Gesetze in Nürnberg 1935 weithin geschwunden. Anders steht es aber wohl bei der alle deutsche Jugend erfassenden und erziehenden Hitler-Jugend. Ich weiß nicht, wieweit die Elternhäuser da noch ein Gegengewicht sein können."

15.10.1938: "Wird nun unser 80-Millionen-Volk weiter so gegen den Rest seiner Juden vorgehen? Wann kommt hier die Grenze der Hitlerschen Macht? Es ist doch noch immer unser altes Volk, das dieses Dritte Reich werden ließ! Man spürt es doch noch überall: das alte deutsche Volk!"

23.Oktober 1940: "Weiterhin bringt die arische Bevölkerung den Juden Lebensmittel; vor der Synagoge in der Levetzowstraße soll es zum ersten Mal nahezu Demonstrationen gegeben haben."(557)

Andererseits weiß der Schriftsteller am 16.Oktober 1941 zu berichten, dass "das Tragen des Gelben Flecks unter der Bevölkerung zu keinerlei Schwierigkeiten führte." (552)17.November 1941: "Das Unglück der Juden verkürzt uns nicht den Blick und verengt uns nicht das Herz dafür, welch namenloser Jammer jetzt auf der Welt überhaupt und in Europa besonders herrscht. Aber wiederum sind die Juden ein 'Urbild'." (566)

9.Januar 1942: "Noch nie habe ich gehört, dass gut situierte, hilfsbereite arisch-christliche Kreise sich zusammengetan hätten, Juden nach ihrer furchtbaren finanziellen Beraubung mit Subventionen zu helfen, ihnen heimlich Zuwendungen in Höhe des Verlorenen oder auch nur eines Teils des Verlorenen zu machen."(586)

Widersprüchliches Verhalten der christlichen Kirchen

Widersprüchlich wie das Verhalten der Bevölkerung war auch das der Kirchen. So notiert Klepper am 21.11.1938: "Ungeheure Angriffe auf beide Kirchen in den prononcierten Parteiblättern - Angriffe, die es verstehen lassen, dass die Kirchen ohnmächtig im Politischen, keinen öffentlichen Schritt für die Judenchristen unternehmen."

9.4.1939:"..heute eine große Erklärung leitender kirchlicher Persönlichkeiten, die den Protestantismus zum Knecht des Nationalsozialismus und Luther zum Vorläufer Hitlers machen will."(445)

Am 14.1.1940 ist von dem furchtbaren Versagen der Kirche gegenüber der Judenpolitik des Dritten Reiches" die Rede. (491)

Nebenbei bemerkt Klepper, dass in vielen Gottesdiensten wohl für jeden verhafteten Pfarrer namentlich gebetet wird, aber die Fürbitte für Kriegsgefangene und getaufte Juden unterlassen wird.(R.364)Immer wieder wirft Klepper in seinem Tagebuch der Kirche ihre Gleichgültigkeit in der Judenfrage vor.

"Zu der ganzen jüdischen Boykottangelegenheit habe ich nur eins zu sagen: Ich trauere um die evangelische Kirche. Gott macht uns seine Ferne deutlich, schreibt Klepper am 29.März 1933 in sein Tagebuch und am folgenden Tag: "Aber ich glaube an das Geheimnis Gottes, das er im Judentum beschlossen hat, und deshalb kann ich nur darunter leiden, dass die Kirche die gegenwärtigen Vorgänge duldet. Ich ahne, was es heißt, 'Knecht Gottes' zu sein."

Reaktion der Juden

Und wie haben die Juden in Deutschland auf die immer unerträglicher werdenden Zumutungen der braunen Machthaber reagiert? "Drei Viertel der Jüdischen Gemeinden im Reich hofften immer noch auf einen modus vivendi mit dem neuen Regime, sobald sich die Entwicklung einmal normalisiert habe. Diese lang gehegten Illusionen schwinden erst seit 1938 angesichts der immer wilderen antisemitischen Ausfälle der Machthaber und der Maßnahmen gegen ihr Eigentum und ihre Sicherheit. In den annektierten Gebieten herrscht bereits Pogromstimmung: die österreichischen Juden leben unter ständigem Terror, ihre Glaubensgenossen aus dem Sudetenland werden in die Tschechoslowakei abgeschoben, wo man sie nach Ungarn weiter schickt. Schließlich nehmen sie auf Donauschiffen Zuflucht, Ausschau haltend nach einem Land, das sie aufnehmen könnte."(R.205)"

3.12.1938: "Viele Juden halten diese psychischen Quälereien nicht mehr aus. Es soll in diesem Monat schon 5000 jüdische Selbstmorde gegeben haben." Von Goebbels werden diese hämisch bagatellisiert: "Früher haben sich nur Deutsche erschossen, jetzt sind auch Juden darunter."(R.178)

27.12.1938: "Und wieder bringt sie (Hanni) die schreckliche Nachricht von jüdischen Selbstmorden aus der Stadt mit."

11.1.1939: "Nur ich darf vom Anwalt noch beraten werden; Hanni müsste sich an einen der neuen Rechtskonsulenten für Juden wenden. Zum ersten Male ist nun heute für Hanni bei dem Auflassungsvormerkungsantrag das 'Sara' akut geworden. (424)

Wettlauf mit dem Tod

Das Jahr 1942 gestaltete sich für die Kleppers zu einem Wettlauf mit dem Tod. Der jüngeren Tochter, der von Klepper innig geliebten "Renerl", gelang die Emigration nicht mehr. Von Reichsinnenminister Frick hatte Klepper eine Art "Schutzbrief" bekommen, der die Frauen tatsächlich eine Weile schützte. Aber dann kann auch der nicht mehr helfen: "Ich war bei Frick. Er steht zu dem, was er zugesagt hat, er will Renate aus Deutschland heraushelfen. Aber hier kann er nicht mehr helfen. Erregt lief er am Schreibtisch auf und ab. Solche Dinge kommen zu den Ohren des Führers, und dann gibt es einen Mordskrach."

Klepper versucht es bei Adolf Eichmann und wird tatsächlich auch vorgelassen. "Ich habe noch nicht mein endgültiges Ja gesagt, aber ich denke, die Sache wird klappen." Das war blanker Zynismus, denn am folgenden Tag erfährt Klepper, dass der Tochter die Ausreise in das aufnahmebereite Schweden nicht gestattet wird. Die Familie fühlt: Das ist das Ende. Kleppers letzte Sätze am 10. Dezember 1942: "Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun, ach, auch das steht bei Gott. Wir gehen heute nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In diesem Anblick endet unser Leben."

So schied Klepper zusammen mit seiner jüdischen Frau und seiner Stieftochter am 11.Dezember 1942 aus dem Leben. Sie hatten den Gashahn des Küchenherdes geöffnet. Die Haushälterin findet die drei Toten am morgen, an der Küchentür ein Schild "Vorsicht Gas".

An der Seite der leidenden Juden

Noch 1938 hatte Klepper seine Pflicht zum Weiterleben damit begründet, den eigenen Anteil am Leiden der Juden mittragen zu müssen. "Es zehrt an allen Kräften, die zur Leistung nötig sind, dies dauernde und immer noch wachsende Unrecht an den Juden in Deutschland ohnmächtig mit ansehen zu müssen. Die Welt und das Volk sehen darüber hinweg. Es gibt nur eins, das einen vor dem Schlimmen bewahrt: Dass man selbst seinen Anteil tragen muss am Leiden dieses furchtbaren Unrechts."- "Die Ungerechtigkeit in der Welt so offen, so nahe miterlebt zu haben, ist eine elementare Erfahrung. Verwertbar ist diese nicht. Und erholen kann man sich nicht mehr von ihr."(M.337)

Eine Art Glaubensbekenntnis hatte Klepper am 12.Mai 1938 in sein Diarium niedergeschrieben. Es lautet: "Wohl dem, der auf die Seite der Leidenden gehört."(T.355) Schon am 31.3.1933 hatte er sich gefragt: "Warum soll es mir besser gehen als den Juden? Lieber dort sein, wo Gott leiden lässt, als jetzt mit Gott für das Vaterland emporgetragen zu werden." (Ob Gott es war, der die Juden leiden lässt, dünkt aus heutiger Sicht doch mehr als fraglich, aber Klepper sah das offensichtlich anders.) Jochen Klepper war nicht nur durch seine eheliche Bindung, auch durch seine theologische Prägung, nach eigenem Bekunden, in das jüdische Schicksal einbezogen. "Es ist wohl mehr wert als die guten Tage, die man ohne das gehabt hätte," schrieb er an das mit ihm und Hanni befreundete Ehepaar Eva-Juliane und Kurt Meschke, die ebenfalls in einer sogenannten "Mischehe" lebten wie auch der Dichter Werner Bergengruen, den Klepper gleichfalls gut kannte. (M.38) 27.3.1933: "Das Jüdische hat in meinem Leben zu weiten und tiefen Raum, als dass ich jetzt nicht in all dem Guten, das immer noch über meinem eigenen Leben reichlich bleibt, sehr leiden müsste. Denn mir ist, als gäbe die Heilsgeschichte der Juden der Weltgeschichte den Sinn."

Die Tatsache, dass Hanni Stein Jüdin war - eine säkularisierte Jüdin freilich, die dem jüdischen Glauben völlig neutral gegenüberstand und, wie Klepper erkannte, alles durchmachen musste, jedenfalls zunächst "ohne die Nähe Gottes" - führte sowohl zum Bruch mit seiner Familie als auch zur Verflechtung und Auseinandersetzung mit dem jüdischen Schicksal, zu einem intensiven Nachdenken über die heilsgeschichtliche Bedeutung des Judentums für den christlichen Glauben und die Menschheit und zu einem Teilhaben am Leiden der Juden, aber auch zu einer Fülle geistiger Inspirationen.

Klepper klammerte sich bei seinen Überlegungen an Römer 11.(zitieren) "An der Seite der leidenden Juden müssen wir unsere Gottesfeindschaft bekennen."

Am 8.11.1938 trug er unter dem Bibelwort aus Johannes 16,33: "In der Welt habt ihr Angst;aber seid getrost,ich habe die Welt überwunden", in das Tagebuch ein: "Die Beunruhigung der Juden in Deutschland bleibt furchtbar und lastet schwer auf unserem Leben.--Wann greift Gott ein? Menschen können dies Problem nicht mehr lösen."

Zu überlegen wäre allerdings, wie Klepper sich wohl dieses Eingreifen vorgestellt haben mag? Mitunter stellt er theologische Reflexionen an, die man nicht immer ohne weiteres nachvollziehen kann, zum Beispiel, wenn er behauptet: "Dem Preußentum und dem Judentum waren eins gemeinsam, der Knecht-Gottes-Glaube." Klepper sieht Israel in der Rolle des Gottesknechts, gerade auch in dem, was er durchleidet. Geht er zu weit? Eine sicherlich nicht ganz unberechtigte Frage.

Das Geschick der Juden in Deutschland ist, laut Klepper, "für die Staaten, Völker, Kirchen.. ein Zeichen ..,an dem die letzten Hintergründe der Zeitgeschichte offenbar werden."

12.Oktober 1941: "Ja, ich habe das Unglück der Völker gesehen und stets so nahe an dem mystischen Unheil des einst auserwählten Volkes. Muss es alle Schuld selbst abbüßen? Rettet es Gott, indem er es durch 'unschuldiges und stellvertretendes Leiden' Christus ähnlich macht? Wirkt er das Seine unter den Juden durch die Judenchristen, deren äußeres Schicksal sich nicht unterscheidet? Schon erfährt man von den Schwierigkeiten, die sie unter anderen Juden haben." (551)

Am 30.3.1933 schreibt Klepper:"Ich bin kein Antisemit, weil kein Gläubiger es sein kann.. Aber ich glaube an das Geheimnis Gottes, das er im Judentum beschlossen hat; und deshalb kann ich nur darunter leiden, dass die Kirche die gegenwärtigen Vorgänge duldet. Ich ahne, was es heißt, 'Knecht Gottes' zu sein." (W.73)"

8.September 1933: "So oft ich die Bibel lese, ist es das gleiche: die gleichen Worte sind an das jüdische Volk gerichtet. Die gleichen Worte bezeichnen Amt und Passion Christi. Die gleichen Worte reden mich in meiner innersten Geschichte an, die gleichen Worte weiß ich an alle Gläubigen gerichtet. Ich weiß nichts Lebenswerteres als den Wahnsinns des Glaubens." (T.89)

Die vorbehaltlose Anerkennung der Ersterwählung der Juden durch Gott, wie sie im schon erwähnten und zitierten 11.Kapitel des Römerbriefes thematisiert wird, war für Klepper unabdingbarer Bestandteil seiner christlichen Identität.

Am 14.9.1935, einen Tag vor der Verabschiedung der "Nürnberger Gesetze" macht sich Klepper Gedanken über Israels Erwählung und Geschick. "Wie fruchtbar aber muss es um den Menschen bestellt sein, dass man nicht zu klagen wagt, es geschehe einem Unrecht.. unmöglich an der Erwählung zu zweifeln, wenn Gott so gesprochen hat, wie er sprach. Was ist mit dem jüdischen Volk? Erwählung, die allen Schauder der Verwerfung vorher durchmachen muss, ehe die Erwählung begriffen wird?"

Klepper ist nicht nur durch seine persönliche Einbeziehung in das jüdische Schicksal zu der Erkenntnis gekommen, dass noch so unverständliche Schicksalsschläge die Erwählung Gottes nicht außer Kraft setzen können. Das jüdische Volk erfährt in der gegenwärtigen Bedrängnis nicht die Verwerfung durch Gott, sondern ein Durchgangsstadium auf dem Weg zur vollen Erkenntnis dessen, was Erwählung heißt.

Er hat daher auch nicht den von den Juden angeblich verworfenen und getöteten Christus vor Augen, an dem die Juden zu Fall kommen werden, wie das jahrhundertelange kirchliche Lehre war, sondern den Christus, der selbst das Leiden Israels mitträgt, Brüder seiner Brüder ist, Symbol für das Leiden Israels, des eigentlich Erwählten.

Verantwortung des Christen für jüdisches Schicksal

Warum sich ein Christ für das jüdische Schicksal verantwortlich und in dieses mit hinein gezogen fühlen sollte, auch das wird durch Kleppers Haltung deutlich. Insbesondere gibt das Tagebuch Kleppers dem Leser die Möglichkeit, neu darüber nachzudenken, was es bedeutet, in der Nachfolge Christi zu stehen und unschuldig an der Zeit leiden.

Nachfolge - das kann man von Klepper lernen - beginnt für einen Christen da, wo er an der Seite der unschuldig leidenden, verfolgten, geschändeten und millionenfach ermordeten Juden "in dem Gleichwerden seines Schicksals mit dem Christi" den Sinn seines Daseins erkennt. (Klepper an Hanni am 15.9.1941)

In Jesus nimmt Gott selbst das Judesein auf sich, in der 'Maske' eines jüdischen Kindes. Menschensohn.

29.3.1933: "Was ist furchtbarer? Ein Volk zu sein, das wie die Juden Gottes Hand so schwer spürt? Oder ein Volk, das diese schwere Hand darstellen muss wie wie Deutschen? Immer wieder geht es mir in diesen Tagen durch den Kopf, was jetzt in manchem jungen Juden geboren werden mag an schrecklicher Macht für die Zukunft. Aber auch in mir wird in diesen Tagen etwas geboren, was auf das Zentrum meines Lebens zustößt."

Nachspiel

Als 1961 der ehemalige Leiter des Judenreferats im Reichssicherhauptamt Adolf Eichmann in Jerusalem danach befragt wurde, ob er sich an den "Fall Klepper" erinnere, antwortete er - wie zu erwarten war: "Nein, ich erinnere mich nicht."

Auswahlbiographie:

Der Beitrag erschien in einer etwas anderen und vor allem kürzeren Form

in der Zeitschrift "Tribüne. Zum Verständnis des Judentums.

42.Jg. Heft 168, 4.Quartal 2003.


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